Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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meiſt ohne weiteres Galilei zugeſchrieben, man ſtützt ſich dabei unter anderem auf die unten mitgeteilten Erörterungen. Man wird indeſſen weder in dieſen, noch an einer anderen Stelle des Dialogs über die Weltſyſteme, noch auch in ſonſtigen Galileiſchen Schriften die obige Formulierung des Geſetzes oder eine gleichwertige finden, wiewohl der moderne Leſer, dem dieſes Grundprinzip der Mechanik geläufig iſt, ſi dem Eindrucke nicht entziehen kann, als ſei dem Verfaſſer jene wichtige Thatſache bekannt geweſen. Galilei i*ſt allerdings bis vor die Schwelle der allgemeinen Erkenntnis der Beharrung gedrungen, er hat in ſchwerem Geiſtesringen den größten und ſchwierigſten Teil des zurückzulegenden Weges durchmeſſen, aber das Ziel ſelbſt hat er in dieſem Falle nicht erreicht. Der Kampf mit den Schwierigkeiten, die ihm gerade dieſes fundamentale Problem bot, läßt ſich von den früheſten Schriften, die wir von ihm beſitzen, bis zu den Forſchungen ſeines Greiſenalters hinab verfolgen¹1). In dem unten mitgeteilten Bruchſtücke behauptet Galilei nur ſoviel: Ein Körper, der eine horizontale Anfangsgeſchwindigkeit beſitzt, beharrt in dieſer horizontalen Bewegung; dabei iſt unter horizontaler Bewegung eine Kreisbewegung um den Erdmittelpunkt verſtanden. Man erſieht daraus, daß dieſes Galileiſche Beharrungsgeſetz weder all⸗ gemein iſt, da es ſich nicht auf beliebig gerichtete Anfangsbewegungen bezieht; noch auch ſtrenge richtig iſt, da es die Beharrung in der Kreislinie, nicht die geradlinige Beharrung behauptet. Gerade der Umſtand, daß Galilei ſein Geſetz in erſter Linie zur Stützung der Lehre von der Erdbewegung verwenden wollte, erſchwerte ihm die volle Erkenntnis. Bei Bewegungen innerhalb eines kleinen Bereichs iſt freilich jener Kreislinie annähernd identiſch mit einer Geraden; daher ſind die Galileiſchen Ergebniſſe ſowohl an dieſer Stelle wie in anderen Schriften, in welchen er oft geradezu an Stelle der Kreislinie die Gerade ſetzt⸗ aber ntcht ohne ſich wegen dieſer vermeintlichen Ungenauigkeit zu entſchuldigen, meiſt dennoch richtig ²). Welch große That aber dieſe partielle Erkenntnis war, beweiſt wenn es des Beweiſes dafür bedarf das Staunen, mit welchem die Zeitgenoſſen die diesbezüglichen Stellen des Dialogs entgegennahmen.

Zur Orientierung ſei noch folgendes betreffs der Entſtehungsgeſchichte des Dialogs bemerkt⁰). Seit dem Jahre 1597, wenn nicht ſchon früher, hatte Galilei Aufzeichnungen über die Frage der Weltſyſteme gemacht; die erſten Anfänge der endgültigen Redaktion aber, wie ſie uns jetzt nach zahlreichen Umarbei⸗ tungen in Geſprächsform vorliegt, datieren wohl nicht weiter zurück als bis zum Jahre 1624. Das Manuſkript war 1630 vollendet; nach langwierigen Verhandlungen über die Druckerlaubnis erſchien endlich das Buch 1632 bei dem florentiniſchen Verleger Landini; es war mit einem doppelten Imprimatur für Rom ſowohl wie für Florenz verſehen.

Um den von Galilei in der Streitfrage der Weltſyſteme eingenommenen Standpunkt zu verſtehen, iſt erforderlich zu wiſſen, daß im Jahre 1616 die Index⸗Kongregation, jene Behörde, deren Aufgabe es war, kirchlich anſtößige Bücher zu verbieten, bezw. zu verbeſſern, ihr berüchtigtes Dekret erlaſſen hatte, durch welches alle Bücher unterſagt wurden, die die thatſächliche Richtigkeit der kopernikaniſchen Lehre von der Erdbewegung behaupteten. Die hypothetiſche Behandlung war hingegen geſtattet worden; man durfte alſo die ſcheinbaren Planetenbewegungen auf Grund der kopernikaniſchen Annahmen berechnen, durfte aber dieſe

¹) Näheres darüber in der vortrefflichen Studie von Wohlwill, die Entdeckung des Beharrungs⸗ geſetzes(Weimar 1884). Vergl. auch Einleitung und Anmerkungen zu obengenannter Üüberſetzung.

3 ²) Meines Erachtens iſt das Galileiſche Geſetz, namentlich wenn man die unten gegebene Begründung desſelben in Betracht zieht, eher als ein Specialfall desjenigen Geſetzes zu betrachten, wonach ein materieller Punkt, der gezwungen iſt, auf einer Fläche gleichen Potentials ſich zu bewegen, eine geodätiſche Linie mit gleichförmiger Geſchwindigkeit be⸗ ſchreibt, wofern keine andere als die Potentialkräfte auf ihn einwirken.

³) Ausführlicheres wird man in der Einleitung zu der vollſtändigen überſetzung finden.