Aus Galileis Dialog über die beiden hauptſächlichſten Weltſyſteme.
Vorbemerkungen.
Galileis Werk über die Weltſyſteme des Ptolemäus und des Kopernikus iſt ſowohl durch Inhalt und Form, wie um der ſchweren Schickſale willen, die es über ſeinen Verfaſſer heraufbeſchworen hat, als eines der intereſſanteſten Bücher zu betrachten, die je geſchrieben worden. Die beiden nachſtehenden, aus dem Italieniſchen überſetzten Bruchſtücke¹) ſollen eine Vorſtellung von dem Geiſte geben, der das Ganze beſeelt. Aus dem erſten derſelben wird man entnehmen können, welches die Loſung war, mit welcher die moderne Naturwiſſenſchaft, als deren Vater Galilei mit Recht gilt, in den Kampf zog; ſie lautete: An⸗ erkennung des Rechtes freier Forſchung ohne Rückſicht auf angebliche Autoritäten. Wie auf religiöſem Gebiete die Reformation, auf künſtleriſchem die Renaiſſance den Bruch mit der ſtarren Gebundenheit ver⸗ gangener Jahrhunderte bedeutete, ſo ſind es auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft die von unvergleichlichem Tiefblick zeugenden und von glühender Kampfesfreudigkeit getragenen Beſtrebungen Galileis, die eine neue Zeit anbrechen ließen. Nicht als ob Galilei der erſte geweſen wäre²), der ſich auflehnte gegen die Au⸗ torität des Ariſtoteles und gegen die Anmaßung ſeiner Anhänger, der ſogenannten Peripatetiker. Vor ihm und mit ihm kämpften gar manche den gleichen Kampf wie er; aber an die Wurzel des faſt zum Aberglauben herabgeſunkenen Ariſtotelismus hat in wirkſamer Weiſe doch erſt er Hand gelegt.
Die antiſcholaſtiſche Geſinnung, der Freiheitsdrang, der gleichermaßen Urſache wie Folge jener Periode der Neugeſtaltung auf dem Gebiete der Naturphiloſophie war, giebt ſich uns in dem erſten der mitgeteilten Fragmente zu erkennen. Es iſt von vorwiegend rhetoriſchem Charakter, es kämpft bald mit der wuchtigen Waffe des höchſten ſittlichen Ernſtes, bald mit der ſcheinbar harmloſeren des Scherzes nicht ſowohl gegen Ariſtoteles, deſſen Bedeutung Galilei ſehr wohl zu würdigen wußte, als gegen die drohende Verſteinerung der Wiſſenſchaft, die dieſen Mann zum unfehlbaren Schutzpatron der Philoſophie erkoren hatte.— Durch gefällige Form vielleicht minder beſtechend, durch Reichtum an neuen viſſenſchaftlichen Gedanken, aber und durch meiſterhafte Klarheit in dem Vortrag derſelben noch weit bedeutſamer iſt das zweite Bruchſtück. Es will beweiſen, wieſo die alltäglichen Erſcheinungen des ſenkrechten Falls mit der Achſendrehung der Erde vereinbar ſind, während ſcheinbar ein unlösbarer Widerſpruch dazwiſchen beſteht. Dieſer anſcheinende Widerſpruch wird bekanntlich beſeitigt durch die Erkenntnis, daß ein in Bewegung be⸗ griffener Körper, wenn in der Folge keine Kraft auf ihn einwirkt, ſich mit unveränderter Geſchwindigkeit und in unveränderter Richtung weiterbewegt. Die Entdeckung dieſes ſogenannten Beharrungsgeſetzes wird
¹) Eine vollſtändige Überſetzung wird demnächſt im Verlage von B. G. Teubner in Leipzig erſcheinen unter dem Titel: Galileo Galilei, Dialog über die beiden hauptſächlichſten Weltſyſteme. überſetzt und erläutert von Emil Strauß.
²) Galileo Galilei wurde 1564 zu Piſa geboren, nach der üblichen Annahme am 18. Februar; er ſtarb in ſeiner Villa zu Arcetri bei Florenz am 8. Januar 1642.


