A. Bekämpfung des Autoritätsglaubens in der Wiſſenſchaft. (In der Alberiſchen Ansgabe der Galileiſchen Werke Vol. I., pag. 119— 126.)
Salviati. Wir ſind geſtern vom geraden Wege unſerer Erörterungen ſo oft und ſo weit ab⸗ gekommen, daß ich ſchwerlich ohne Euere Hülfe wieder ins rechte Geleife kommen und fortfahren kann.
Sagredo. Ich finde es ſehr begreiflich, daß Ihr Euch einigermaßen in Verwirrung befindet, wo Ihr den Kopf über und über voll habt mit dem bereits Vorgetragenen wie mit dem noch Vorzutragenden. Ich hingegen, der ich als bloßer Zuhörer nur das Vernommene im Gedächtniß zu behalten brauche, werde hoffentlich durch kurze Zuſammenfaſſung des Bisherigen den Faden unſerer Unterſuchung entwirren können. Sofern mich alſo mein Gedächtnis nicht täuſcht, war der Hauptgegenſtand unſerer geſtrigen Geſpräche der, daß wir von Grund aus prüften, welche der beiden Meinungen wahrſcheinlicher und begründeter ſei: diejenige, nach welcher die Subſtanz der Himmelskörper unerzeugbar, unzerſtörbar, unveränderlich, unempfindlich, kurz, abgeſehen von der Ortsveränderung, jedem Wechſel entrückt iſt und darum ein fünftes Element darſtellt, welches durchaus verſchieden iſt von unſeren elementaren, erzeugbaren, zerſtörbaren, veränderlichen Körpern; oder die andere Anſicht, nach welcher ein ſolches Mißverhältnis zwiſchen den Teilen des Weltalls in Weg⸗ fall kommt, die Erde ſich vielmehr derſelben Vorzüge erfreut, wie die übrigen das Weltall zuſammenſetzenden Körper; mit einem Wort, ein freibewegter Ball iſt, ſo gut wie der Mond, Jupiter, Venus oder ein anderer Planet. Wir hoben zuletzt viele Uebereinſtimmungen im⸗ einzelnen zwiſchen der Erde und dem Monde hervor und zwar mehr mit dem Monde als mit einem anderen Planeten, wohl wegen der genaueren und ſinnlich greifbareren Kenntnis, die wir infolge ſeiner geringen Entfernung über ihn beſitzen. Nachdem wir ſchließlich zu dem Ergebnis gekommen ſind, dieſe zweite Meinung habe die größere Wahrſcheinlichkeit für ſich, verlangt es, wie mir ſcheint, die Folgerichtigkeit, daß wir die Frage prüfen, ob die Erde für unbeweglich zu halten, wie bisher von den meiſten geglaubt wurde, oder für beweglich, wie einige Philoſophen des Alter⸗ tums glaubten und einige neuerdings meinen; und wenn für beweglich, wie beſchaffen ihre Bewegung ſein mag.
Salv. Nun weiß ich wieder genau, welchen Weg wir einzuſchlagen haben. Ehe wir aber weiter zu gehen beginnen, möchte ich mir eine Bemerkung betreffs Euerer letzten Worte erlauben. Ihr ſagtet, wir ſeien zu dem Ergebnis gekommen: die Meinung, nach welcher die Erde gleichartig mit den Himmels⸗ körpern, ſei wahrſcheinlicher als die entgegengeſetzte. Dies habe ich jedoch nicht behauptet, ebenſowenig, wie ich irgend eine andere der ſtreitigen Lehren als erwieſen betrachten werde. Ich habe nur die Abſicht gehabt, für und gegen beide Anſichten die Gründe und Gegengründe, die Einwände und deren Beſeitigung zur Sprache zu bringen, welche andere bis jetzt vorgebracht haben, ſowie einiges Neue, auf das ich durch langes Nachdenken geſtoßen bin. Die Entſcheidung aber ſtelle ich dem Urteil anderer anheim.
Sagr. Ich hatte mich von meiner eigenen Empfindung fortreißen laſſen. In dem Glauben, andere müßten ebenſo denken wie ich, habe ich verallgemeinert, was ich beſchränkter hätte ausdrücken ſollen. Ich habe mir wirklich einen Irrtum zu ſchulden kommen laſſen, namentlich da ich die Anſicht des hier an⸗ weſenden Signore Simplicio nicht kenne..
Simplicio. Ich geſtehe, die ganze letzte Nacht überdachte ich nochmals unſere geſtrigen Erörterungen und finde, ſie enthalten in der That viel Schönes, Neues und Kühnes. Bei alledem fühle ich mich doch


