Aufsatz 
Über die Ganerbschaften des deutschen Mittelalters
Entstehung
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es 6): ‚unde uuerdunt sine chanerben', womit weiter nichts als das lateinische coheredes, Miterben, gemeint ist. Wenn Wolfram von Eschenbach von seinem Helden Parzival, als derselbe an Gott verzweifelnd von Artus' Tafelrunde fortreitet, sagt:)

childes ambet umben gral

wirt nu vil güebet sunder twal

‚von im den Herzeloyde bar;

zer was ouch ganerbe dar', so heisst das nur, dass Parzival, der von den Gralskönigen abstammte. der berechtigte und vorher- bestimmte Erbe des Grals war. Denn von einer den späteren Ganerbschaften ähnlichen Einrichtung findet sich in dem Epos keine Spur. Diesen allgemeinen Sinn hat unser Wort auch noch in weit späterer Zeit, z. B. in einer Urkunde des Jahres 1342, 5) wo die Erben des Bürgers Prwin Klobelouch von GiessenGanerben genannt werden. In dem Weisthum von Eisenhausen in Hessen vom Jahre 1485, wie in dem späteren von 1532, stehtGanerben mit Erben so verbunden, dass ein Unterschied zwischen beiden Worten nicht wohl gemacht werden kann.?) Aus diesem Grunde, weil in der älteren ZeitGanerbe nurMiterbe bedeutet, die Besonderheiten also, die erst im Laufe der Zeit sich in dem Begriffe ausbilden sollten, hier nicht in Betracht kommen können, glaube ich, dass bei dem Versuche, das Wort sprachlich zu erklären, eine einfache. jene Bedeutung berücksichtigende Ableitung den Vorzug haben muss. Daher empfiehlt sich zunächst die Erklärung Jac. Grimms,¹⁰) nach derGanerbe weiter nichts als gi-erpo, also aus der Präposition gi-= ge- (mit) und erbe zusammengesetzt ist. Zu den Belegen, die Grimm anführt, kan-arpo, Docen misc. 204a, canh-erbo oder chan-erbo, Notk. 36,22, gan-erbe Parc. 333,30 liesse sich noch das gothische ga-arbja(Ephes. 3,6) stellen; aber sowohl aus ki-erpo, wie aus ga-arbja würde sich nach Analogie ähnlicher Formen ge-erbe entwickelt haben, welches Wort sich auch im Mittelhochdeutschen fürErbe(nur in der Mehrzahl) findet; und die Dehnung des a ¹¹), sowie die Einschaltung des n werden sich durch Analogie keineswegs rechtfertigen lassen. Von den beiden anderen Erklärungen, die Grimm ausserdem anführt, hat er selbst die zweite, wonach das deutscheGanerbe mit dem im seeländischen und schonischen Gesetz angeführten gangarv zusammengestellt wird, damit zurück- gewiesen, dassder Begriff des dänischen Wortes ganz von dem des deutschen abweicht, überdiess eine Verkürzung aus ganc-erbo, gang-erbe keinen Schein hat und sich nur durch die wohl falsche Lesart canh-erbo(bei Notker) stützen lässt. Kein grosses Gewicht möchte darauf zu legen sein, dass eine lateinische Glosse des Sachsenspiegels das Wortganerben mit accelerantes heredes er- läutert und die Silbe gan- offenbar von gaehe(ahd. gähi)schnell ableitet. Die älteste Bedeutung unseres Wortes spricht dagegen, und selbst die Stelle des Sachsenspiegels(I, 17), in der es heisst: jalle die sich gliche nah zu der sibbe gestuppen mogen, die neme gliche teil daran, ez si man oder weib, disse hetent di Sassen gaenerven, kann recht gut den allgemeinen Gebrauch in der frühesten Zeit bestätigen.

6) ps. XXXVI, 22. Notker starb 1022.

) v. 333,30.

) Wigand, Provinzialrechte der Fürstenthümer Paderborn und Corvey I S. 275. In dieser Zeit hatte das Wort schon die specielle Bedeutung.

9) Grimm, Weisthümer Bd. III, 345 348.

¹⁰) Deutsche Grammatik(1826) II 753 f; deutsche Rechtsalterthümer 481 f.

¹¹) Dass es lang ist, beweist die falsche Schreibart gahn-erben, die sich in späterer Zeit häufig findet.

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