Aufsatz 
Der Geschichtsunterricht
Entstehung
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handlung den Charakter der Subjektivität zu verleihen hat, iſt hier nicht der Geſchichts⸗Lehrer, ſondern der Schüler. Der katholiſche Lehrer hat ſeine proteſtantiſchen Schüler nicht mit katholiſchen An⸗ ſchauungen, und der proteſtantiſche Lehrer ſeine katholiſchen Schüler nicht mit proteſtantiſchen Principien zu quälen oder zu füttern, ebenſowenig als es ſtatthaft iſt, daß ein Anhänger der allgemeinen Ent⸗ waffnung und des ewigen Weltfriedens Propagande macht bei jungen Leuten, welche über kurz oder lang berufen ſein ſollen, für das Vaterland zu kämpfen u. ſ. w. Mit einem Worte, die gegenwärtige und zukünftige ſociale, politiſche und religiöſe Lage des Schülers beſtimmt den Geſchichtsunterricht und die Subjektivität des Lehrers hat der Subjektivität des Schülers zu weichen, wo Beide nicht überein⸗ ſtimmen. Glücklicherweiſe indeſſen iſt der Standpunkt des Lehrers nur ſelten nicht gemeinſam, und wenn er es auch nicht in allen Einzelheiten iſt, ſo iſt er doch gemeinſam in den moraliſchen Grund⸗ zügen der ethiſchen Anſchauungen. Wo aber der Standpunkt des Lehrers und der des Schülers aus⸗ einandergehen, hat der Lehrer die Beſtimmung des Schülers ins Auge zu faſſen, und nur ſchonend, die Gegenſätze mildernd und begütigend, zu verfahren, oder die betreffenden Differenzpunkte von dem Unterrichte auszuſchließen. Kurz der Lehrer darf nie in ſeinem Intereſſe plädiren. Was er aber vor allem Andern zu thun verpflichtet iſt, iſt, daß er weder in ſeinem noch in ſeines Schülers vermeintem Intereſſe die Thatſachen der Geſchichte verläugnen, oder ſie gar zu fälſchen ſich erlauben wird. Er wird auch als Erzieher immer noch ein gewiſſenhafter Lehrer der Geſchichte ſein. Dies iſt die allge⸗ meine Stellung des Geſchichtslehrers. Von dieſem allgemeinen Standpunkte jausgehend fragen wir aber nun weiter: a) Was ſoll der Lehrer aus der Geſchichte auswählend vortragen? und b) wie ſoll er es vortragen?

Bezüglich der erſten Frage bemerken wir, daß das Feld der Geſchichte zu groß iſt, um der Jugend Alles mitzutheilen, und daß es nöthig iſt, daß wir uns mit Bezug auf die uns zu Gebote ſtehende Zeit beſchränken auf das Nächſte und Wichtigſte der Geſchichte. Das Wichtigſte iſt gewiß das moraliſch Nächſte, aber das thatſächlich Nächſte iſt auch das Wichtigſte in der Geſchichte. Denn das thatſächlich Nächſte bildet zuerſt uns und unſere Begriffe, und leitet uns auf dieſen faßbaren verſtändlichen Thatſachen zu den fernerliegenden Ereigniſſen. Das Nächſte für uns in der Geſchichte aber iſt die Geſchichte des Bodens, auf dem wir ſtehen, des Staates zu dem wir gehören, und der Volksrace von der wir einen Bruchtheil bilden, hieran ſchließt ſich die Geſchichte der Völker, die uns durch Nace oder Culturintereſſe am nächſten ſtehen. Der Deutſche, gehörend zur Kaukaſiſchen oder Ariſchen Race, widmet daher den verſchiedenen alten Völkern dieſer Abſtammung eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit, näher indeſſen aber ſtehen uns die Römer und Griechen, mit welchen uns außer der Racengleichheit die Culturintereſſen verbinden; noch näher jedoch ſtehet uns unſere deutſche Geſchichte, in welche alle unſere Lebensſtröme ſich verbreiten und am allernächſten ſteht uns die Geſchichte des Particularſtaates oder der Provinz, deren Rechts⸗ und Sittenverhältniſſe die unſeren ſind, auf deren Boden unſere Hütte ſteht, deren Bewohner, Wohnſtätten, Berge und Flüſſe unſere wohlbekannten Freunde ſind. Mit dieſer Geſchichte, als der nächſten, ſollte man daher auch den Geſchichtsunterricht beginnen, mit der deutſchen Geſchichte fortfahren, ſodann zu der römiſchen und griechiſchen Geſchichte aufſteigen, um mit der Geſchichte der Indogermaniſchen Race in Aſien und der ſie umgebenden älteſten Culturvölker zu enden. In Anwendung des Geſagten zum Beiſpiele auf uns, die Bewohner Rheinheſſens, ſo intereſſirt gewiß das Kind des Rheinlandes vorerſt die Geſchichte ſeines Bodens. Dieſe erweitert ſich alsbald in eine Geſchichte des Großherzogthum Heſſens beſonders ſeit der Epoche, wo Rheinheſſen dieſem angehört. Es iſt dies die geſchichtliche Heimathkunde, welche mit der An⸗