Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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kranke Pascal und ſeine Schule. Aber ebenſoſehr kehrt ſich Göthe gegendie neuen menſchen⸗ freundlichen Bemühungen der erleuchteten Reformatoren, die auf einmal die Welt von dem Ueber⸗ reſte des Sauerteigs ſäubern, und ihrem Zeitalter die mathematiſche Linie zwiſchen nöthigem und unnöthigem Glauben vorzeichnen wollen. Wenn dieſe Herrn ſo viele oder ſo wenige Philoſophie haben, ſich das Menſchenlehren zu erlauben, ſo ſollte ihnen ihr Herz ſagen, wie viel unzweideutiger Genius, unzweideutiger Wandel, und nicht gemeine Talente zum Berufe des neuen Propheten ge⸗ hören. Wenn ſie Welterfahrung beſitzen, ſo werden ſie ſich bei dem großen Publikum(und das größte glauben ſie doch vor Augen zu haben) ungern erlauben, auch nur Terminologiepagoden um⸗ zuſtoßen und aufzuſtellen, wenn ſie bedenken, welche heilige, ihren Brüdern theure Begriffe unten. dieſen Bildern umarmt werden. Aber ihr ikonoklaſtiſcher Eifer geht weiter. Sie wagen ſich nichts weniger als an vollkommen bibliſche Begriffe. Dieſe Worte ſind ſpeciell gegen denſe Bahrdt gerichtet, deſſen ſeichte Erklärungsweiſe Göthe bald darauf in ſeinem Prolog zu den neueſacd Offenbarungen Gottes verdeutſcht durch Dr. C. F. Bahrdt mit den Waffen des Spottes bekämpfte. Selbſt in ſeinen juriſtiſchen Studien nahm Göthe Gelegenheit, auf die Forderung der Toleranz! zurückzukommen. Wie man nämlich damals dieſelbe im Allgemeinen ſtellte, ſo war man auch ins⸗ beſondere darauf bedacht, die Duldſamkeit gegen die Judenmit Verſtand, Scharfſinn und Kraft der Zeit anzuempfehlen. Dieſer neue Gegenſtand rechtlicher Behandlung war für Göthe beſon⸗ ders anziehend, da bei demſelben mehr an billige Beurtheilung, als an geſetzliche Form appellir⸗ wurde. Während in dem Götz, der nun zur Vollendung gediehen war, jener kraftvolle Iugenddr und die durch ihn lebendig gewordenen Intereſſen zur Darſtellung kamen, befreite Göthe im Ws ex. ther ſein Inneres von der ſentimentalen Weichheit, welche damals dicht neben dem Kraftgenialagt lag und die Geiſter zur Erſchlaffung und zur Blaſirtheit zu führen drohte. Der Werther warde für den Dichter die Geneſung von einer herrſchenden Influenz, ein ſittlicher Kampf und Sieg, auci. welchem ſein Gemüth gereinigt und geſtärkt hervorging. Wir finden im Helden des Romans nebe⸗ 1 der maßloſen, verzehrenden Liebesgluth auch jene Sehnſucht nach der Einfachheit des Naturzuſtaut 4 des und jenes Sichverſenken in die Natur, welches Göthes Aufenthalt in Wetzlar characteriſ vn 4 aber ſchwerlich möchten ſich, wie Gelzer und Dünzer meinen, in dem Buche ſchon Anklänge del Spinozismus vorfinden. Abgeſehen davon, daß es gewagt und oft ſelbſt unſtatthaft iſt, aus peri tiſchen Productionen Anſichten und Grundſätze des Dichters mit Sicherheit herausfinden zu wollen laſſen ſich den von dem erſteren Literarhiſtoriker angeführten Beweisſtellen andere entgegenſetzen, in T welchen geradezu die Gottheit als reine Perſönlichkeit und das Verhältniß derſelben zu der Meiſch heit in reinchriſtlicher Weiſe aufgefaßt iſt. 1 Bald ſollte Göthe auch zu zwei Repräſentanten der ſich entgegenſtehenden religiöſen Rictun. gen in Deuſchland, des Pietismus und Deismus, nämlich zu Lavater und Baſedow gleichzeitig im

nahe perſönliche Beziehung treten. Die auch in den Individualitäten Beider verkörperten Gegenſätze

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