22
aber deſto dringender fordert er Duldung der Chriſten unter einander.„Das Hauptelend der In⸗ toleranz, ſagt er, offenbart ſich doch am meiſten in den Uneinigkeiten der Chriſten ſelbſt“z er will zwar als Lutheraner keine Verrinigung mit der reformirten Kirche, obwohl ihm Augsburg und Dortrecht dem Weſen nach gleich ſind, aber er will Toleranz ebenſo gegen die verſtandesmäßig kühlere Anſchauungsweiſe der Reformirten, wie gegen die innerliche Erleuchtung der Inſpirirten, und den Verächtern der katholiſchen Kirche ruft er zu:„Verflucht ſei der, der einen Dienſt Abgötterei nennt, deſſen Gegenſtand Chriſtus iſt.“ Ebenſo will er die Verſchiedenheit des Glaubens der Ein⸗ zelnen reſpectirt wiſſe,, wenn ſie auf dem Boden der Bibel ſtehen, und in keiner Form eine ierarchie der Kirche. So kommt er auf den Satz:„Es iſt unwiderſprechlich, daß keine Lehre uns diſd Vorurtheilen reinigt, als die, welche unſeren Stolz zu erniedrigen weiß, und welche Lehre iſt's, d der öhuf Demuth baut, als die aus der Höhe. Wenn wir das nur immer bedächten und recht im „Heerzen fühlten, was es ſei, Religion, und Jeden auch fühlen ließen, wie er könnte, und dann mit brüderlicher Liebe unter alle Secten und Parteien träten, wie würde es uns freuen, den göttlichen Samen auf ſo vielerlei Weiſe Frucht bringen zu ſehen.“ 8 Der anregende Einfluß Herders auf Göthe, der aus dem perſönlichen Umgang beider Männer in Straßburg hervorgegangen war, ſetzte ſich durch brieflichen Verkehr in dieſer Zeit fort; auch — der ſogar bei den„Stillen im Lande“ und beſonders bei Fräulein von Klettenberg dlufmerkſamkeit erweckte, zog den Dichter durch ſeine tiefſinnigen Schriften an. Der Verkehr mit „Jern ſtrebenden Geiſtern war lebhaft, und dieſen Verhältniſſen entſprechend war in Göthe auch uſt zu produciren in dieſer geiſtig höchſt bewegten Epoche grenzenlos. Zu Wetzlar, wo ſein * eatz war, ſeine innere Natur nach ihren Eigenſchaften gewähren, und die äußere nach zn Eigenſchaften auf ſich einfließen zu laſſen, drohte eine heftige Neigung zu der Braut eines kundes ſeine ſittliche Ruhe zu gefährden; er riß ſich aus der Gefahr durch freiwillige Entfernung 88s, und ſetzte, nach Frankfurt zurückgekehrt, ſeine dichteriſchen Arbeiten mit Eifer fort; zugleich aber Frat er in den neu gegründeten Frankfurter gelehrten Anzeigen als Kritiker ſchönwiſſenſchaftlicher hed theologiſcher Schriften auf. Auch in dieſen Kritiken wird die Forderung der Toleranz wieder⸗ 5 und dringend ausgeſprochen. Dabei aber bekämpft Göthe ebenſoſehr die ſeichten Aufklärer wie 8 Eiferer jener Zeit:„Wir geben allen Fanatikern von beiden entgegengeſetzten Parteien zu be⸗ n, ob es dem höchſten Weſen anſtändig ſei, jede Vorſtellungsart von ihm, dem Menſchen und Naſen Verhältniß zu ihm zur Sache Gottes zu machen, und darum mit Verfolgungsgeiſte zu be⸗ aupten, daß das, was Gott von uns als gut und böſe angeſehen haben will, auch vor ihm gut ind böſe ſei, oder ob das, was in zwei Farben für unſer Auge gebrochen wird, nicht in Einem . ictſtraßle für ihn zurückfließen könne.“ Die Recenſion der Bekehrungsgeſchichte des Grafen Struenſee von Münter ſchließt ſogar mit dem Satze:„Wir müſſen es einmal ſagen, weil es uns Jbon lange auf dem Herzen liegt: Voltaire, Hume, la Mettrie, Helvetius, Rouſſeau und ihre Anze Schule haben der Moral und der Religion lange nicht ſo viel geſchadet, als der ſtrenge


