Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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derſelben in ſich aufgenommen und verarbeitet hatte, ſo wurde ſie ihm auch in dieſer höheren Bil⸗ dungsſtufe abermals ein Gegenſtand ernſten Forſchens und Betrachtens. Er trat an ſie heran mit den Prüfungen der höheren Kritik, er ſuchte ſie in ihrem inneren Kerne zu erfaſſen, gegen den die äußeren Ungleichheiten und Widerſprüche unweſentlich erſcheinen. Der verſtandesmäßigen, oberfläch⸗ lichen Behandlungsweiſe gegenüber, in welcher jene Zeit die Widerſprüche zu vermitteln und aus⸗ zugleichen pflegte, drang er auf den Sinn und die Sache ſelbſt, und hielt dieſe feſt, auf die Ge⸗ fahr hin, daß eine oder die andere widerſprechende Stelle aufgegeben werden mußte. Ueberhaupt hatte ſich in ihm die Grundmeinung feſtgeſetzt,daß bei allem ſchriftlich Ueberlieferten es auf das Innere, den Sinn, die Richtung des Werkes ankomme, daß hier das Urſprüngliche, Gött⸗ 1 liche, Wirkſame, Unantaſtbare, Unverwüſtliche liege, welchem Urweſen keine Zeit, keine äußere Ch wirkung noch Bedingung etwas anhaben könne. Gegen dieſes ſei die Sprache, Eigenthümlig s Stil und die Schrift als Körper anzuſehen, der für ſich dem Verderbniß ausgeſetzt ſein 6 3

Dieſes Aeußere habe man der Kritik zu überlaſſen, welche, wenn ſie auch das Ganze zu 8echs im Stande ſein ſollte, doch niemals dahin gelangen werde, den Grund, an dem wir feſthalten, uns zu rauben, ja uns nicht einen Augenblick an der einmal gefaßten Zuverſicht irre zu machen. Dieſe aus Glauben und Schauen entſprungene Ueberzeugung machte Göthe die Bibel erſt recht 7 zugänglich, und indem er ſie mit dem Gemüthe erfaßte, war er auch vor allen Spöttereien gegen dieſelbe geſchützt. Er verabſcheute dieſelben, zumal er ihre Unredlichkeit einſahz ja er hätte einſt, wie e) erzählt, in kindlich fanatiſchem Eifer Voltaire wegen ſeines Saul erdroſſeln können. Jenem Urweſen i Bibel gegenüber ließ er übrigens um ſo eher der verſchiedenen Auffaſſungsweiſe nach Zeit und Indiviß lität ihr Recht, weil er der Ueberzeugung war, daß keine Ueberlieferung ihrer Natur nach ganz rein er geben werden könne, und wenn ſie auch rein gegeben, doch in der Folge nicht jederzeit vollkommen ve ſtändlich ſein könne, und weil die Verſchiedenheit menſchlicher Fähigkeiten und Denkweiſen eine ver ſchiedese Auffaſſungsweiſe bedingten. Dieſen hier ausgeſprochenen Grundſatz der Toleranz bei einem ſicheren Feſtei⸗ halten an der Bibel als Grundlage hat Göthe in den damals erſchienenen Briefen eines Land⸗ geiſtlichen mit großer Wärme vertreten. Wohl mögen einzelne Sätze des in ihnen ausgeſprochengtes Glaubens in der dem Verfaſſer geläufigen Terminologie der Herrnhuter in ſtärkerer Färbung hyni vortreten, als ſie in deſſen Bewußtſein vorhanden waren; aber unverkennbar iſt das von wahr Chriſtenthum erfüllte Gemüth, das der Bibel tiefe Ehrfurcht zollt, das mit ächter Chriſtenliebe oes eindringlichſten Worte der Duldung den im Glauben Schroffen und Hochmüthigen, den Eiferen und Streitſüchtigen zuruft. Der Verfaſſer will Toleranz gegen die Heiden; er eilt über die Lehrè von der Verdammung derſelben, wie über glühendes Eiſen hinweg; Gott und Liebe ſind ihm Syn⸗ onymen; aber er verwahrt ſich entſchieden vor dem Indifferentismus:ſo wenig die ewige, einzige Quelle der Wahrheit indifferent ſein kann, ſo tolerant ſie auch iſt, ſo wenig kann ein Herz, dae ſich ſeiner Seligkeit verſichern will, von der Gleichgültigkeit Profeſſion machen. Er kehrt ſich ge⸗⸗ gen die Feinde des Chriſtenthums, die ſich Philoſophen nennen, er warnt vor falſchen Propheten,