Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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Schriften, wie in dem Systéme de la nature eine ſo geringe Wirkung auf ihre religiöſen An⸗

ſichten, daß ſie nicht begreifen konnten, wie ein ſolches Buch gefährlich ſein könne.Es kam uns, erzählt Göthe, ſo grau, ſo cimmeriſch, ſo todtenhaft vor, daß wir Mühe hatten, ſeine Gegenwart auszuhalten, daß wir davor, wie vor einem Geſpenſte ſchauderten. So auch war ihnen die abſicht⸗ liche und leidenſchaftliche Polemik Voltaires gegen das Chriſtenthum zuwider, und einzelne Beweis⸗ gründe derſelben, von deren Unrichtigkeit ſie ſich erfahrungsmäßig überzeugt hatten, benahmen ihnen gganz und gar das Vertrauen zu dieſem Autor. indAr. Daß aber Göthe während des Straßburger Aufenthalts neben ſeinen theologiſch⸗philoſophi⸗ hen Studien auch das Kirchliche in den Kreis ſeiner Intereſſen zog, davon gibt uns ſeine Doctor⸗ 4 diſßxrtation Zeugniß. Von jeher hatte, wie er erzählt, ihn der Conflict, in welchem ſich die Kirche, der öffentlich anerkannte Gottesdienſt nach zwei Seiten, gegen den Staat und gegen den Einzelnen hin, befindet und immer befinden wird, höchlich intereſſirt. Er wählte daher ein Thema, welches die Aufgabe hatte, den erſteren der Conflicte auszugleichen,daß nämlich der Geſetzgeber nicht allein berechtigt, ſondern auch verpflichtet ſei, einen gewiſſen Cultus feſtzuſetzen, von welchem weder

die Geiſtlichkeit noch die Laien ſich losſagen dürften.

3 Ehe wir Göthe zu Frankfurt in ſeiner geiſtigen Thätigkeit wieder aufſuchen, gedenken wir nooch der ſittlichen Schuld, der er ſich durch das Auflöſen des Verhältniſſes mit Friederike Brion roheilhaftig machte. Schon in Straßburg hatte die Liebe zu erkalten angefangen, und von Frankfurt Ber, brach er die letzten Jäden der Verbindung ab. Die troſtloſe Antwort Friederikens zerriß ihm 1 5 Herz, das nun zur vollen Klarheit hervortretende Bewußtſein ſeiner Schuld verſetzte ihn in den e pen Schmerz; er ſuchte ſein Inneres durch die Buße zu verſöhnen, die er in Weislingen und Awigo zur Darſtellung brachte, aber erſt nachdem er nach acht Jahren auf ſeiner Reiſe in die wchweiz die frühere Geliebte und ihre Familie wieder aufgeſucht hatte und ſie ſelber verſöhnt wußte, onnte auch er beruhigt anjenes Eckchen der Welt zurückdenken.

8 Mächtig angeregt und voll friſchen Muthes kehrte Göthe von Straßburg nach Frankfurt zurück, Lnn ſich auch, wie er ſagt, etwas Ueberſpanntes in ſeinem Weſen zeigte, das nicht auf geiſtige Ge⸗ ie dheit deutete. Dieſen Enthuſiasmus ſuchte, wo er ſich in dogmatiſchem Gebiete zeigte, ſein Freund ee zu bekämpfen, welcher häufig des Dichters Scharfſinn durch ſeine vorgebrachten Verneinungen yeifel übte und prüfte. Ebenſo mochte die Bekanntſchaft mit Merk dazu beitragen, die ver⸗ andesmäßige, nüchterne Klarheit mit der überſprudelnden Gefühlsſchwärmerei in mannichfachen Ge⸗ enſatz zu bringen. Doch leiteten ſich die Straßburger Eindrücke in der Erinnerung lebendig und räftig fort; es entſtand jene von enthuſiaſtiſcher Verehrung dictirte Schrift über Erwin von Stein⸗ bach; ſo auch ſtärkte ſich das nationale Element in dem Studium vaterländiſcher Geſchichte und Alterthümer, und lagerte ſich ſpäter im Götz von Verlichingen abz im Fauſt verkörperten ſich die Straßburger theologiſch⸗philoſophiſchen Beſtrebungen; dazu aber führten Göthe die geſchichtlichen Arbeiten auf Luther und durch ihn zu erneuerten bibliſchen Studien. Wie er, von jeher von der 9). Schrift angezogen, ſchon in früheren Lebensepochen den ſeiner geiſtigen Entwickelung gemäßen Inhalt