Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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kommen. Als ſie einſt im größten Druck des Herzens um Glaube⸗ flehte, brachte ein Zug ihre

Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jeſus einſt erblaßte, ein Zug, dem völlig gleich, wodurch unſere

Seele zu einem abweſenden Geliebten geführt wird; in dem Augenblick wußte ſie, was Glaube b war. Dieſe Unmittelbarkeit des Gefühles leitete ſie auch bei ihrem Thun und Laſſen; ſie erinnerte

ſich kaum eines Gebotes, nichts erſchien ihr in Geſtalt eines Geſetzes; es war ein Trieb, der ſie leitete und immer recht führte, ſie folgte der Freiheit ihrer Geſinnungen, und wußte ſo wenig von Einſchränkungen, wie von Reue. Aber ſie erkannte auch ,wem ſie dieſes Glück ſchuldig war, und daß ſie an dieſe Vorzüge nur mit Demuth denken dürfe. Obwohl ſie mit dieſem aus ihr ſelbſt 3 hervorgegangenen Chriſtenthum im Gegenſatz zu der orthodoxen Kirchenlehre ſtand, ſo gehörte ſie

dih weder den Myſtikern noch den Halliſchen Pietiſten an. Die aus ihrer Selbſtprüfung ent⸗ usgene Klarheit bewahrte ſie vor der dunkeln Gefühlsſchwärmerei der erſteren, und die heitere Ruhe ſtimmte nicht mit den letzteren, welche einen Bußkampf vor der Bekehrung vorausſetzten; ſie war herrnhutiſche Schweſter auf eigne Hand geworden*). Ihre Einwirkung auf Göthe war Piber gerade deshalb ſo erfolgreich, weil nicht ein falſcher Bekehrungseifer ſie trieb, den jungen Freund zu ihrem Glauben herüberzuziehen, ſondern eine milde Toleranz ſeine eignen Anſichten gelten jeß. So kehrte ihr auf dem reinen Gefühl wurzelnder Glaube auch ſeine Gefühlswelt hervor, und s bildete ſich in ihm eine Religion des Herzens, nachdem Reflexion und Zweifel ſeine äußerlich rreupfangene erſchüttert hatten. Jener ſittliche Ernſt der Selbſtbeſchauung und Selbſtprü⸗ Verd aber theilte ſich um ſo leichter dem Jünglinge mit, weil derſelbe ſchon von frühe eifrig be⸗ ur war, ſich ſelbſt klar zu ſein, und weil in dei Zuſtande heitern und ſichern Beruhens in ſich e.ungeborne Natur ihr vollſtes und reinſtes Genüge fand. 5 2* Doch wendeten ſich jene Contemplationen im Kreiſe der Freunde bald auch auf andere Ge⸗ ete. Angeregt durch den Arzt Dr. Müller, der im Beſitze gewiſſer Heilmittel zu ſein vorgab, die 4 wohl Jeder durch eignes Studium zu erwerben im Stande ſei, vermochte Fräulein von Klet⸗ berg auch Göthe, mit ihr Wellings Opus mago-cabbalisticum zu leſen. Sie wurde beſon⸗ lins durch den Gedanken zu dieſem Studium bewegt, daß das Heil des Körpers mit der Seele in he aher Verbindung ſtehe, und daß es deßhalb die größte Wohlthat und Barmherzigkeit ſei, fär deſſen Leiden die Heilmittel zu finden. rinuurn 6 Cöthe nennt die Beſchäftigung mit dieſem dunkeln Werke, welcher bald das Studium des eg. 1 * Varnhagen hat in ſeinen Denkwürdigkeiten I, 460 vier Lieder der Fräulein von Klettenberg mitgetheilt, ddie ſich in Rahels Nachlaß vorgefunden haben. Wir finden in ihnen ganz den Charakter wieder, wie er uns in den Bekenntniſſen vorgeführt iſt. Eins derſelben i*ſt überſchrieben; An Ihn! und lautet: Wie kindlich darf ich mit ihm ſprechen! Denn Er, Er nimmt an meinen Schmerzen,.

Er gönnt mir ſtets ein offnes Ohr. Den zärtlichſten und treuſten Theil. Ich trag ihm alle mein Gebrechen Umſchließt er mich mit ſeinen Armen, Und alle meine Klagen vor. Und tröſtet mich durch ſein Erbarmen,

Wie leicht wird dann es meinem Herzen, So werden meine Wunden heil!