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Während letztere gegen den Vater ſogar kalt erſchien, wandte ſie ihre ganze Liebe dem zurückgekehr⸗ 7 ten Bruder zu. Die Mutter hatte ein lebhafteres Intereſſe an der Religion gewonnen, beſonders 4 angeregt durch die Fräulein von Klettenberg. Auch andere Freundinnen waren gebildete und herz⸗ liche Gottesverehrerinnen. Uebrigens mochte Göthe der ernſtere, ſtrengere Ton der geſelligen Zirkel nicht behagen. Er ſchreibt an Oeſer:„Sie ſtellen ſich die Trockenheit nicht vor, in der man hier von Seiten einer angenehmen Unterhaltung lechzt“; und in der Cpiſtel an Friederike Oeſer beklagt— er ſich:„bin ich bei Mädchen launiſch froh, ſo ſehn ſie ſittenrichtriſch ſträflich.“ So findet er ſich auch außer aller Connexion„mit ſchönen Geiſtern.“ Dazu aber legte ihm ſein Unwohlſein, das ſich
durch mehrere Monate hinzog, bei körperlichen Schmerzen Entſagungen aller Art auf.„Ich habe, ſchreibt er an Fr. Oeſer, das Capitel von Genügſamkeit, Geduld und was übrigens für Materja ₰ ins Buch des Schickſals gehören, wohl und gründlich ſtudirt, bin auch dabei etwas klüger geir erag den.“ So öffnete Göthe, entfernt von den Frenden der Jugend, abgeſchnitten von dem Bodeit 5 Ben 3 welchem er ſchon gewaltig gefördert ſich ſo gerne bewegte, von der Kunſt und Literatur, und 5 ℳ körperlich leidend, nach einiger Zeit ſein Gemüth den Einwirkungen der religiöſen Freundin, 85,4 er in früherer Zeit ſchon verehren gelernt hatte, und er that dies um ſo rückhaltsloſer, da er ſich ſchon in Leipzig zu dem poſitiven Chriſtenthume wieder hingewendet hatte. Wie dieſe, ſelbſt kränklich, ihm im Ertragen körperlichen Leidens ein Vorbild war, und ihn Ergebenheit und Geduld durch ihr eigenes Beiſpiel lehrte, ſo auch lenkte ſie durch ihre Unterhaltung. gen, die ſich faſt einzig auf die ſittlichen Erfahrungen, die der ſich beobachtende Menſch an ₰ machen könnte, und auf die religiöſen Geſinnungen bezogen, den jungen Freund auf Selbſibeſchat 5 3 und ſuchte ſein Gemüth innerlich zu verſöhnen. Zwar mochte ſie das Streben und Ringen, 17 Unruhe und Ungeduld, welche der Jugend eigen iſt, in Göthe nicht immer richtig würdigen, wo· ſie dieſen Zuſtand lediglich als Wirkung ſeines unverſöhnten Gottes nach ihrer Denk⸗ und Redeweißt bezeichnete, und obwohl ſie in dieſer Beziehung ſeinen Widerſpruch erfuhr, zog ſie ihn dennoch me, und mehr in den Kreis der Anſchauungen, welche ſie ſich vom Verhältniß des Menſchen zum Göttlicht gebildet hatte, und theilte ihm die aus derſelben entſpringende heitere Ruhe und Beſch aulichkeit de 4 Seele mit. Sie brachte ihm ein praktiſches Chriſtenthum entgegen, welches, ein Reſultat langjähr f Selbſtprüfung und errungenen ſicheren Selbſtbewußtſeins, doch in dem unmittelbaren Gefühle 9 8 Wurzel hatte. Daher mied ſie die Syſtemſprache, da ſie ſich des Zuſammenhangs ihres S d mit Gott ohne fremde Form bewußt geworden war*). So gewiß als das Athemholen ihr 3 3ʃ* 5½ ihres Lebens war, bewieſen ihr tauſend kleine Vorgänge, daß ſie nicht ohne Gott auf der W ſeiz er war ihr nahe, ſie war vor ihm. Sie lebte mit ihm, wie in vertraulichem Verkehre; 6 9 nannte ihn ihren unſichtbaren Freund. Der Glaube an die Erlöſung von der allen Menſchen an haftenden Sünde durch Chriſtus war ihr in Form einer inneren Erleuchtung zum Bewußtſein 5
*) Die folgenden, den„Bekenntniſſen einer ſchönen Seele“ entnommenen charakteriſtiſchen Züge neaue⸗ wir unbedenklich der Fräulein von Klettenberg vindiciren zu dürfen.


