Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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ein lebendiger und geiſtreicher Vortrag in der Philoſophie, welcher er freilich in dem Wolfiſchen h Schematismus ebenfalls ſchon in Frankfurt keinen Geſchmack abgewinnen konnte, ihn dauernder 7 zu feſſeln vermocht haben. Selbſt der Einfluß des in damaliger Zeit überaus angeſehenen Gellert, deſſen Vorleſungen über Moral der junge Dichter hörte, war nur vorübergehend.Seine ſchöne Seele, ſagt Göthe, der reine Wille, die Theilnahme des edlen Mannes an unſerem Wohle, ſeine Ermahnungen, Warnungen, Bitten, machten wohl einen augenblicklichen Eindruck, allein er hielt nicht nach, um ſo weniger, als ſich doch manche Spötter fanden, welche dieſe weiche, und wie ſie glaubten, entnervende Manier uns verdächtig zu machen wußten. Ja ſogar drückend wurden dem 3 Jünglinge dieſe Anmahnungen, wenn ſie ſeine religiöſen Scrupel näher berührten, welche in Frankfurt⸗ 4 ſchon geweckt waren, und die in Beziehung auf einzelnen Dogmen und vorzüglich auf das aus dar,, Abendmahlslehre, daß einer, welcher das Abendmahl unwürdig genieße, ſich ſelber das Gericht urgen⸗ 9. und trinke, zu einer ſolchen Stärke herangewachſen waren, daß ſie höchſt beunruhigend und beängſtigeks 4 auf ihn wirkten.Da die Auskunft, die man ihm als hinreichend hinſtellen wollte ſo kahl und ſchwach erſchienen war, ſo hatte er ſich ſchon, wie er nach Leipzig kam, von der kirchlichen Verbin⸗ dung loszuwinden geſucht, und ließ zuletzt dieſe ſeltſame Gewiſſensangſt mit Kirche und Altar völ⸗ lig hinter ſich. 7 Obgleich nun ein ſolches Zerfallenſein mit dem Poſitiven vorzüglich in den Jahren, in wele chen damals Göthe ſtand, für die ſittliche Entwickelung höchſt bedenklich werden kann, ſo dürfe 4 wir doch annehmen, daß dem ſorgloſen Leben, in welchem der Jüngling auf ſeine Geſundheit 2 K ſtürmte, immerhin der ſittliche Halt nicht gefehlt habe. Zwar fällt in ſeinen Leipziger Liedern 1 d2 und wieder eine gewiſſe, der Friſche der Jugend wenig entſprechende Aeltlichkeit unangenehm aupr. indeſſen iſt nach Otto Jahns Bemerkung wohl Vieles der Art den damaligen Vorſtellungen von Schicklichkeit in Ton und Betragen zuzuſchreiben, die ſchon ein Blick auf Bilder aus damaliger Zeitz erkläre. Vornehmlich aber ſcheint neben dem Umgang mit älteren Männern, wie Oeſer und ſelbſt Behriſch, der beſſer war als ſein Ruf, der ununterbrochene Verkehr mit gebildeten Frauen ihn von 8 den Klippen fern gehalten zu haben, welche die Sittlichkeit zu bedrohen pflegen. Die Frau Hof ts räthin Böhme war gleich zu Anfang ſeines Leipziger Aufenthaltes bemüht, ihn für geſelligen Ve mj kehr zu bilden; ſpäter wurde der junge Dichter in dem Schönkopf'ſchen Hauſe wie ein Glied 1. Familie betrachtet, nnd die Liebe zu Katharine Schönkopf füllte eine geraume Zeit der Leipzu 3 Jahre aus, und dauerte noch nach ſeinem Weggange eine Zeitlang fort. Ein Zug jedoch, vielleicht ebenſoſehr durch inneres Unbefriedigtſein, als durch ein verſtecktes 5 körperliches Leiden ausgebildet, erſcheint in Göthes Charakter während ſeines Leipziger Aufenthalts, 5 welchen wir nachmals ganz verſchwinden ſehen. Von jenem launiſchen Weſen, mit dem er ſeine 3 Geliebte quälte und ſich allmählich entfremdete, und das er in der Laune des Verliebten zur eignen Buße poetiſch dargeſtellt, hatten auch ſeine Freunde zu leiden. Als er daher nach jener Kriſis, die ſein durch unglückliche Diät, unregelmäßige Lebensweiſe und durch Abhärtungsverſuche aller Art 1 verhetzter Organismus durch einen heftigen Blutſturz erlitten, krank danieder lag, wurde er aufge⸗ 4