Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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das Judendeutſch ſich aneignen zu wollen, welche ihn dazu bewog, das Hebräiſche zu erlernen, und 8 wußte der Leher in dieſer Sprache, der Rector Albrecht, den Fragen und Einwürfen des wißbegiee⸗ rigen Schülers faſt nichts entgegenzuſetzen, als den jeweiligen Ausrufein närriſcher Burſche,* ſo ſah doch der Knabe, dem der Lehrer den Gebrauch ſeiner Bibliothek zu weiterem Selbſtunterricht S willig geſtattete, ſeine urſprüngliche Abſicht allmählich in den Hintergrund treten und dem eifrigen* Streben weichen, ſich den Inhalt der Schrift anzueignen. Auch anderwärts, nämlich in der Poeſic,

war ihm das Intereſſe am Bibliſchen näher gebracht worden. Klopſtocks Meſſiade und Moſers Da⸗ niel in der Löwengrube hatten einen tiefen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht, und der Einfluß

der Hausfreundin, der Fräulein von Klettenberg, dem ſich der Knabe nach der Ueberſättigung am 4 franzöſiſchen Theater um ſo williger hingab, erweckte in ihm jene religiöſe Gemüthsſtimmung, als deren Reſultat das erſte poetiſche Product, das wir noch von Göthe beſitzen, die wahrſcheinlich ſch I. a. 1763 gedichtete Höllenfahrt Chriſti, erſcheint. Indem nun ſo häusliche Erziehung, Einfluß Lenn 4 Freunden, Geſinnungen von ferner ſtehenden Perſonen und Lectüre darauf hinwirkten, die Religioſi⸗ tät in dem Knaben zu erwecken und zu erhalten, geſchah auch in dieſer Epoche ſeiner Jugend von der Kirche, der er angehörte, wenig oder nichts, um einen chriſtlichen Glauben ins Leben zu rufem und zu befeſtigen. Selbſt die Feier der Confirmation, die nach einem mechaniſch ertheilten Con⸗ firmandenunterricht auf kalte Weiſe vollzogen wurde, ging ohne erhebenden Eindruck an ihm vorüber. Sein von mancherlei Zweifeln bedrängtes Gemüth verſchloß ſich, als er, um ein Bekenntniß raus gen, vor den engvergitterten Beichtſtuhl trat, und ſtatt einer aus der Seele fließenden Beichte ſ die Lippe eine kalte Formel, an der das Innere keinen Antheil hatte. Jene Zweifel aber, de. 4ℳ Bezug auf religiöſe Dinge Göthe ergriffen, waren nicht wenig genährt worden durch den Umgan. mit älteren Perſonen, von denen derſelbe beſonders den Hofrath Huisgen erwähnt, der ſelbſtmit Gott und der Welt zerfallen kein Bedenken trug, die eignen Scrupel in das ju gendliche Gemütz zu verpflanzen. 2

Faſſen wir die Eindrücke zuſammen, die der junge Göthe bis zu ſeinem ſechszehnten Lebensz⸗ jahre in ſich aufgenommen, ſo ergibt ſich als ihr Reſultat, daß, während auch an ihm die alte, ſtar Orthodoxie in ihrer Nichtigkeit ſich zeigte, der Geiſt eines neuerwachten religiöſen Lebens ſein Cn müth höchſt fördernd anregte und mit einem lebendigen Inhalt erfüllte, daß er ſich auch damals ce der Einwirkung geiſtiger Intereſſen gegenüber ganz ſelbſtändig verhielt, und daß jene Gegenſätz ded Kirche und Religion, die in ſeiner Vaterſtadt dicht nebeneinander lagen, ihn nicht etwa zum Jiß ferentismus führten, wohl aber den erſten Grund zu der Toleranz legten, welche, wie ſie als ein Loſungswort jener Zeit erſcheint, ſich auch durch unſeres Dichters ganzes Leben als einer ſeiner ſchönſten Characterzüge hinzieht. 84 Bevor wir jedoch Göthe in ſeine neuen Lebensverhältniſſe auf die Univerſität Lap⸗

zig begleiten, müſſen wir noch der Verbindung Erwähnung thun, in welcher ihm zwar ſeine erſte Liebe erblühte, in der er aber, durch die allzugroße mütterliche Nachſicht verleitet, einer ſittlichen Ge 1 fahr entgegenging, die noch zu rechter Zeit glücklich von ihm abgewendet wurde. Nur durch die

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