Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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und der oft jene idealen, für das Leben ausdauernden Freundſchaftsbündniſſe knüpft. Göthe beſuchte,

während durch den Umbau des elterlichen Hauſes der Privatunterricht geſtört war, auf kurze Zeit

die öffentliche Schule, nur um die Unannehmlichkeiten kennen zu lernen, denen gar häufig der Neu⸗ eintretende ausgeſetzt iſt; eine fördernde Jugendfreundſchaft mit Seinesgleichen ward ihm nicht zu Theil, und als ſich ſein liebebedürftiges Herz dem jungen Franzoſen Derones erſchloß, erwiederte dieſer jugendliche Schauſpieler ſeine Zuneigung durch eine affectirte, unnatürliche und altkluge Freund⸗ ſſchaft; dazu aber wurde während der Dauer derſelben das Schamgefühl der Jugend aufs empfind⸗ lichſte verletzt. Neben den von dem Vater und von Fachlehrern empfangenen Lehrſtunden genoß Göthe auch eines fortwährenden und fortſchreitenden Religionsunterrichts. Er ſelbſt erzählt, daß der kirchliche Proteſtantismus, den man ihm überliefert habe, eigentlich nur eine Art trockener Moral geweſen Dei an einen geiſtreichen Vortrag ſei nicht gedacht worden, und die Lehre habe weder der Seele och dem Herzen zuſagen können. Um ſo eifriger hörte der Knabe auf die unaufhörlichen Ge⸗ räche der Erwachſenen, welche ſich auf die Geſinnungen und Meinungen der Separatiſten, Pie⸗ ſten, Herrnhuter bezogen, derStillen im Lande, wie man ſie zu benennen pflegte, die ſich, zu leinen Gemeinſchaften abgeſondert, der Gottheit beſonders durch Chriſtum mehr zu nähern ſuchten, Innd er empfand von dieſen Geſprächen einen um ſo lebhafteren Eindruck, jemehr die Sinnesweiſe jener rerne durch Originalität, Herzlichkeit, Beharren und Selbſtändigkeit anzog. Der Knabe, zu ähn⸗ ern Geſinnungen aufgefordert, bildete ſich ſeinen eigenen ſeparatiſtiſchen Cultus, aber ſeine Ver⸗ u S galt dem großen Gotte der Natur, dem Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde. Sorachte er, da er ſich Gott in unmittelbarer Verbindung mit der Natur dachte, und umſonſt ne Geſtalt für ihn ſuchte, der aufgehenden Sonne jenes einſame Opfer in ſeiner Stube, auf einem in ihm ſelbſt gebauten Altar, wo Naturproducte die Welt, und über denſelben eine Flamme das er Gottheit ſich aufſehnende Gemüth des Menſchen im Gleichniß darſtellen ſollten. In dieſer ge⸗ eimnißvollen Symbolik that er dem tief in ihm liegenden Zuge Genüge, die Gottheit in ihren erken aufzuſuchen, jenem Streben, ſich in das Anſchauen der Natur zu verſenken, das ihm ſchon Ffeinemſehnſüchtigen Aufenthalte in der Gartenſtube eigen war, als er die aufſteigenden Ge⸗ ber beobachtete, und ſich an der untergehenden Sonne nicht ſatt ſehen konnte, und das in den een Jahren, auf der Höhe ſeiner Entwickelung, als die eigentliche Grundlage ſeiner Weltan⸗ eung hervortritt. Zugleich aber bekundet dieſer ſymboliſche Cultus den Hang nach dem Geheim⸗ ßvollen, der als ein charakteriſtiſcher Zug im Leben und in der Poeſie unſers Dichters in den pätern Jahren kann bezeichnet werden. Wenn der Knabe auf dieſe Weiſe ſeinem Gotte,auf gut altteſtamentliche Weiſe ſeinen Altar pbaute, ſo war es derſelbe Zug nach dem Geheimnißvollen, Symboliſchen, der ihn ſpäter häufig in ie Judengaſſe führte, und ihn nicht ruhen ließ, bis er die Ceremonien des israelitiſchen Cultus ennen gelernt hatte. Ueberhaupt wuchs zur damaligen Zeit das Intereſſe des Knaben an dem ibliſchen, vornehmlich an den Schilderungen der patriarchaliſchen Zeit. War es auch nur die Grille,

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