Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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viel mit der nachmals für unſern Dichter ſo einflußreichen Fräulein von Klettenberg; und wiſſen 9 wir auch nicht von ihr, wie von Schillers Mutter, daß ſie ſich angelegen ſein ließ, durch geiſtliche 1 Lieder den Sinn für Frömmigkeit in ihrem Sohne zu erwecken, ſo wurde doch, wie aus einer Stelle ·in ½ jenem Exercitienhefte des Knaben hervorgeht*), auch in dem Göthe'ſchen Hauſe auf die hergebrachte Uebung religiöſer Sitte gehalten. Auch gewaltige Ereigniſſe ſollten dazu beitragen, das Gemüth⸗ 5 des Knaben in ſeinen Tiefen zu ergreifen. So war dasſelbe ſchon im 7. Jahre durch das furcht⸗ 2 bare Erdbeben in Liſſabon ſehr beunruhigt worden.In jener Zeit, als der Dämon des Schreckens

ſo ſchnell und ſo mächtig ſeine Schauer über die Erde verbreitete, war der Knabe nicht wenig be⸗) troffen, daß der ſo weiſe und gnädig vorgeſtellte Gott ſich hier ſo keineswegs väterlich bewieſen) 9 habe. Und doch wußte, nach Bettinas Angabe, auch er zu der Zeit, wo die Gottesfürchtigen es nicht an Betrachtung, die Philoſophen nicht an Troſtgründen, die Geiſtlichen nicht an Straf⸗ 9 predigten fehlen ließen, den Conflict auf einfache Weiſe auszugleichen. Als er einſt mit ſeinem 4 Großvater aus der Predigt kam, in welcher der Geiſtliche die Weisheit Gottes vertheidigt hattr, ſagte er:Am Ende mag alles noch weit einfacher ſein, als der Prediger meint: Gott wird woleſn wiſſen, daß der unſterblichen Scele durch böſes Schickſal kein Schaden geſchehen kann. A. der Knabe im engen Kreiſe der Familie, welcher nur durch wenige Bekannte ſich mehr belebte, bis. zu den Jahren heranwuchs, wo der geregelte Unterricht ſchon frühzeitig beginnen ſollte, beſchloß den Vater, ebenſowohl aus Luſt zu unterrichten, als aus Abneigung vor den öffentlichen Schulen, d ſelben ſelbſt zu übernehmen. So ſehr aber auch ſeine Ausdauer und ſein ruhiger Ernſt ein K5 liches Reſultat bei dem höchſt beanlagten Sohne verbürgte, ſo war doch das gleichzeitige Beite e der verſchiedenartigſten Gegenſtände, und der raſche Uebergang von einem Lehrobject zum andep.

ein pädagogiſcher Mißgriff. Gewiß mit Recht ſagt Schäfer in ſeinem Leben Göthes, daß, wenn hedus auch deſſen Vielſeitigkeit gefördert worden, ihm doch auch als Folge dieſer planloſen Erziehung das raſſß 3 Abſpringen von einem Gegenſtand der geiſtigen Beſchäftigung zu einem andern, von einem Plane zu f1. andern durchs ganze Leben eigen geblieben ſei. Genoß aber auch abgeſehen hiervon der Knabe alle des Vortheile, die der Privatunterricht zu gewähren pflegt, durch den Eifer des Vaters in doppel 4 Maße, ſo wuchs ihm doch auch auf der andern Seite in der nothwendigen Vereinſamung für ſom allſeitige ſittliche Ausbildung ein nicht unbedeutender Nachtheil. Denn wenn man auch annehl.. darf, daß jenes Meſſen der Kräfte, wie es in öffentlichen Schulen bei dem Streben nach 8 22 gemeinſamen Ziele ſtattfindet, und der dadurch erwachende Eifer bei der glücklichen Naturat Göthes weniger einflußreich auf ihn geworden wäre, ſo war derſelbe doch von dem belebenden 8G kehr mit den Altersgenoſſen ausgeſchloſſen, ihm blieb jener Gemeinſinn fremd, der in jungen Cor porationen ſich kund gibt, und vernünftig geleitet nur zur Kräftigung des guten Geiſtes führd

*) EXercitia privata Mense Januario 1757:Ich und mein Brnder ſind heute morgen ein wenig vor reue aufgeſtanden, und hat uns Niemand aufgeweckt. Und nachdem uns die Magd gekämmt, haben wir mit

gefalteten Händen und gebogenen Knieen das Morgengebet geſprochen. Vergl. Viehoff Göthes Lebeß⸗ 1, 109. 2