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Doch müſſen wir zurückgehen, und unſern Dichter im elterlichen Hauſe während ſeiner Kindheit aufſuchen. Er ſelbſt hat uns die Geſchichte ſeiner erſten Jugendjahre ſo ausführlich in„ Wahrheit und Dichtung“ geſchildert, und hier, ſowie in den von Bettina mitgetheilten Erzählungen der Mutter,
finden wir ſo viele bedeutungsvolle Situationen und charakteriſtiſche Züge aufbewahrt, daß wohl keines andern Dichters Kindheitsepoche in ſolcher Klarheit der Nachwelt offen liegt. Man pflegt allgemein Göthe als einen vom Schickſal höchſt Begünſtigten zu preiſen, dem ſchon von der jege an das ſchönſte und für ſeine Bildung gedeihlichſte Lebensloos zu Theil geworden, und gewiß in den meiſten Beziehungen mit vollem Recht. Seine dichteriſchen Anlagen fanden ſchon frühe Förderung und Unterſtützung. Von wohlhabenden und gebildeten Eltern geboren, durfte er ſich einer eben ſo ſorgſamen körperlichen Pflege, als einer eifrigen Ausbildung ſeiner geiſtigen Anlagen erfreuen, und vornehmlich wurde in ihm der Sinn für die Künſte aller Gattungen ſchon frühzeitig Ieweckt und genährt. Die ſorgſame Elternliebe umfaßte in ihrer ganzen Wärme den einzigen Sohn kund die jüngere Schweſter. Der Vater, ein ernſter Mann, ſchon in geſetzten Jahren, überwachte kit ſtrenger Sorgfalt die Ausbildung des Knaben, und von ihm theilte ſich demſelben ſchon ühe die Ordnungsliebe mit, welche jenem in hohem Grade eigen war. Während ſein ihm ange⸗ porner Zug zu unterrichten volle Gelegenheit fand, ſich bei dem wißbegierigen Knaben zu bethäti⸗ en, beſchäftigte die lebensfrohe, heitere Mutter die Einbildungskraft desſelben durch Märchener⸗ reilen, ſpannte durch Abbrechen der ſelbſterfundenen Situationen ſeine Erwartung, und gab Ver⸗ Vernung zum ſelbſtändigen Weiterdichten der begonnenen Erzählung. Wenn nicht ihre Lebhaftigkeit Aun angeborne Heiterkeit, ſo würde ſchon ihr jüngeres Alter den Knaben mehr an ſie, als an den 24 eren, ernſteren, in mancher Hinſicht ſogar pedantiſchen Vater gefeſſelt haben. Sie ſelbſt, die nach Pöthes Worten faſt noch Kind erſt mit und in ihren beiden Aelteſten zum Bewußtſein heran⸗ ichs, ſah ſich gewiſſermaßen als die Vermittlerin zwiſchen ihrem Gatten und den Kindern an. ag auch wegen dieſer Verſchiedenheit des Alters und der durch ſie bedingten verſchiedenen Lebens⸗ kiſchauung kein eigentliches Mißverhältniß zwiſchen den beiden Ehegatten ſtattgefunden haben, ſo er dieſelbe doch vielleicht der Grund, daß der Knabe nicht immer in gemeinſamem Sinne erzogen ſſede. Wenigſtens deutet die eine ſpätere Zeit betreffende Erzählung Göthes, nach welcher die etter ſein Ueberſchreiten der häuslichen Ordnung mehrmals verhehlte, auf eine auch früher zu⸗ een mangelnde Uebereinſtimmung der Eltern in der Erziehung ihrer Kinder. Uebrigens wurde egrdie Sittlichkeit derſelben ſorgfältig gewacht, und ihr religiöſer Sinn geweckt. Der Vater ſelbſt ſlir ein höchſt rechtlicher, dabei chriſtlich geſinnter, freidenkender, der alten Orthodorie fernſtehender MNann, wie aus ſeinem Briefe an den Conſul Schönborn zu Algier aus dem Jahre 1776 hervor⸗ eht. Aus dem anfgefundenen, in der Frankfurter Bibliothek befindlichen Erercitienhefte Göthes er⸗ ihen wir, daß derſelbe auch gern religiöſe und kirchliche Elemente in ſeinen Unterricht hineinzog. Auch die Mutter war trotz ihrer Abneigung vor häuslicher Arbeit im elterlichen Hauſe und otz ihrer Putzliebe und Leſeluſt, die ihr dort den Namen Schweſter Prinzeß zugezogen hatten, in eigenen Hauſe ſorgſam und arbeitsſam, und bei aller ihrer heitern Laune religiös; ſie verkehrte


