Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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liche Kraft dieſes Bundes in dem erfüllten und beſeelten Pietismus lag, ſo gehen doch anderntheils 5 von ihm, oder vielmehr, wie Hagenbach ihn nennt, von ſeinem Doppelgänger, dem Myſticismus, 4 die ſeparatiſtiſchen Beſtrebungen aus, denen jene gefühlsſchwärmeriſchen Secten, wie die der Inſpi⸗ 8 rirten ꝛc. bis auf die Ronsdorfer Secte und die Buttlerſche Rotte herab ihr Entſtehen verdankten, während die Brüdergemeinde zu Herrnhut, welche durch den von Spener ausgeſprochenen Gedanken her⸗ vorgerufen wurde, daß der Kirche durch kleinere Kirchen wieder aufgeholfen werden müſſe, ſich, wenn auch mit manchen Abweichungen im Glauben, auf den Boden des Pietismus ſtellte. 1 Göthe wurde geboren, als alle dieſe Gegenſätze und verſchiedenen R Richtungen in dem ſittlich⸗ religiöſen Bildungsgang der Nation ſchon herausgetreten waren, während die Orthodoxrie ihrerſeits 4 immer noch das Feld zu behaupten ſuchte, und an vielen Orten auch wirklich behauptete. Und ge⸗ 11 rade Frankfurt mit ſeiner Umgebung war ein Punkt, wo alle verſchiedenen religiöſen Richtungen ganz g dicht neben einander Boden gefunden hatten, und mehr oder minder zur Entwickelung kamen. Sp. 6 Frankfurt ſelbſt beſtanden neben der bürgerlich allein berechtigten Hauptgemeinde der Lutheraner, welcher auch Göthes Eltern angehörten, noch eine reformirte und katholiſche; eine bedeutende jüdiſchen Gemeinde war abgeſchloſſen in einem eignen Stadtviertelz während das nahe Churfürſtenthug Mainz ſein Gebiet faſt bis an das Weichbild der Stadt Frankfurt ausdehnte, hatten ſich in deß Nähe, in Hanau, im Iſenburgiſchen und im Homburgiſchen, franzöſiſche Reformirte uiedergelaſſen uns eigne Gemeinden gegründet. Die Aufklärung hatte bis zum Ertremen hin in dieſer Gegend Eingang gefunden; dey 3 Pietiſten und Inſpirirten ausgeſtoßene, und in den Gegenſatz umgeſchlagene Edelmann ſich eine Zeitlang in Frankfurt aufgehalten; ſeine Schriften wurden in demſelben Jahre, in de Göthe geboren wurde, daſelbſt öffentlich verbrannt. Dieſer Richtung gegenüber, die freilich meh vereinzelt auftritt, hatten ſich⸗ die Inſpirirten im Iſenburgiſchen faſt vor den Thoren Frankfun 14 feſtgeſetztz der Schuſtergeſelle Dauth, der Verfaſſer der Donnerpoſaune(1710) war ein Frankfur⸗ 1 von Geburt, der Sattler Rock aus Marienborn, ein Haupt der Inſpirirten, predigte in der nce gelegenen Wetterau; der Zug der Herrnhuter aber nahm ſeinen Weg von Oſten an den Rht über Frankfurt; Zinzendorf, aus den ſächſiſchen Ländern verwieſen, fand zuerſt einen Zufüuchten 3 in der Wetterau, auf der unweit von Frankfurt gelegenen Ronneburg. Hier wurden die Verſan f lungen der Brüder von neuem abgehalten, von hieraus verbreiteten dieſe ihre Lehre in die Rheit deds genden, und gründeten dort Gemeinden. Später hielt ſich Zinzendorf eine Zeitlang in Fran 1 ſelbſt auf, und 1736 fand auf dem Schloſſe Marienborn die erſte Synode der Brüdergemeinde ſbee welcher in ſpäterer Zeit an demſelben Orte noch mehrere folgten. Wenn auf dieſe Weiſe Frankfurt un ſeine Umgebung ſchon vor der Geburt Göthes ganz in die Bewegung auf dem Gebiete der Rcligioß, ¾ hineingezogen, und von ihren Gegenſätzen und Kämpfen, die ſich bis in deſſen Jugendzeit fortſetzter ergriffen war, ſo trat ſpäter der Dichter ſelbſt mit Perſonen, die den lebhafteſten Antheil an jene Bewegung nahmen, wie die Fräulein von Klettenberg, und mit namhaften Repräſentanten der ves ſchiedenen religiöſen Beſtrebungen, wie Lavater und Baſedow, in ganz nahe perſönliche Brziehunge