Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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4 Lichtes und der Finſterniß, das Streben nach Freiheit und den ſittlichen Fortſchritt verſtehen, denken die Andern nur an die zerſetzende Verſtandesthätigkeit und die antichriſtlichen Tendenzen, wie ſie in Voltaire und in den Encyclopädiſten erſcheinen, während die große Mehrzahl unter der Aufklä⸗ rung des vorigen Jahrhunderts ausſchließlich jene beſchränkte, einſeitige Verſtandesrichtung verſteht, wie ſie in Nicolai in aller Breite zur Darſtellung gekommen, und von den bedeutenden Geiſtern ſelbſt am Schluſſe des Jahrhunderts iſt bekämpft worden. Dieſe letzte Auffaſſung des WortesAuf⸗ klärung, welche beſonders von den Romantikern ausgegangen iſt, hat ohne Zweifel zu der Gering⸗ ſchätzung beigetragen, mit der man auf dieſelbe als etwas höchſt Untergeordnetes, und auf das Jahrhundert, das ſie erzeugt, als auf ein materialiſtiſches, gemein verſtändliches herabſieht. Und doch iſt in demſelben der Aufſchwung unſerer Literatur mit allen ſeinen idealen Beſtrebungen er⸗ folgt, der eine außerordentliche Fülle tiefer und großer Ideen in Umlauf geſetzt hat; und doch hat,

Swenn wir das Chriſtenthum in ſeiner Entwickelung betrachten, ſich auch dieſes in demſelben Jahr⸗

hundert aus einer verknöcherten Form durch innere Gegenſätze zu einem friſchen Leben entwickelt. er Begriff der Aufklärung, wie er, ohne willkürliche Beimiſchung anderer Elemente in der Ety⸗ ologie des Wortes begründet liegt, wie er in den Worten: nich bin das Licht und die Wahrheit,

ſeinen entſprechenden Ausdruck findet, iſt auch für die kirchliche Entwickelung des vorigen Jahrhun⸗ derts zu vindiciren. Es iſt der unabläſſige Kampf gegen die veralteten Syſteme, welche ihre Be⸗ rechtigung über ihre Zeit hinaus behaupten wollen, ſei es, daß er von dem Verſtande und der ernunft, ſei es, daß er vom Gefühle ausgeht. Wenn der eine Gegenſatz, die philoſophiſche Rich⸗

ng, die ſtarre Form der Orthodorie durch Aufklärung zerbrechen wollte, ſo ſuchte der andere, r Pietismus, einen ähnlichen Begriff an die Stelle ſetzend, durch Erleuchtung das inhaltloſe, dte Weſen derſelben im Gemüthe zu beleben.

Die ſtarre Orthodoxie des Proteſtantismus, und das auf ſie baſirte Kirchenregiment, wie es kornehmlich Friedrich Wilhelm I. und ſeine Regierung vertritt, war zu Anfang des vorigen Jahr⸗ nderts der dürre Boden, auf welchem die Frucht des chriſtlichen Glaubens und chriſtlicher Geſin⸗ zuung aufkeimen ſollte. Die Kirche war nur eine polizeiliche Gewalt, der Wille und ſeine Entäu⸗ erung wurde nicht ſelten durch rigoriſtiſche Maßregeln gezügelt, an eine freie Selbſtbeſtimmung und en aus ihr hervorgehendes lebendiges, mit ganzer Seele erfaßtes Chriſtenthum war nicht zu denken. chon im 17. Jahrhundert hatten die Anfänge der philoſophiſchen Aufklärung und die innere Er⸗ ſegung und Erfüllung des Gemüthes, welche auf practiſche Frömmigkeit und auf ein einfaches bib⸗ iſches Chriſtenthum drang, der alten Orthodoxie in gemeinſamem Bunde ſich entgegengeſtellt, als deſ⸗ ſen Repräſentanten Thomaſius und ſelbſt Spener bezeichnet werden dürfen. Als aber der in Eng⸗ land ausgebildete Deismus, und der durch ihn in Frankreich hervorgerufene Naturalismus 3. J. Rouſſeaus und der Materialismus der Encyclopädiſten allmählich auch in Deutſchland, wenn auch nicht allgemein, ſo doch unter den Gebildeten Wurzel faßte, verband ſich gegen dieſe Macht, die in der frivolen Bekämpfung des Chriſtenthums durch Voltaire auf der Spitze antichriſtlicher Tendenzen er⸗ ſcheint, der Pietismus und die Orthodoxie als gegen einen gemeinſchaftlichen Feind. Wenn die eigent⸗

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