Aufsatz 
Über die sittlich-religiöse Entwicklung Goethes bis zum Jahre 1774
Entstehung
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3. 0.

arteilichkeit doch mit irrigen Annahmen und Vorausſetzungen an das Object ihrer Beurtheilung erangetreten ſind. Schon die Sprache, deren hergebrachten Begriffsbeſtimmungen der wandel⸗ 4 are Zeitgeiſt und ſogar die Verſchiedenheit der individuellen Anſicht verſchiedene Bedeutung unter⸗ egt, iſt ein Gegenſtand, der von einem gerechten Urtheil der Geiſtesprodukte einer anderen Zeit N ine ſehr umſichtige Kritik verlangt. Welche Irrungen haben ſchon bei Betrachtung jener Männer ſtattgefunden, indem man Worte, mit denen ſie einen ganz anderen Begriff verbanden, als 4 vir damit verbinden, in der jetzt herrſchenden Bedeutung derſelben auffaßte! So beſonders bei geurtheilung Leſſings; wenn dieſer von dem perſönlichen Gotte ſpricht, ſo iſt ihm derſelbe der üdiſch⸗vermenſchlichte Gott der alten Orthodoxie, und nicht das geiſtige, alles durchdringende, ſeiner elbſt bewußte Weſen, wie wir ihn faſſen*); wenn er ſagt, der menſchliche Wille ſei nicht frei, ſo 9 iegt der Grund dieſer Behauptung in dem Umſtande, daß die Begriffe der Freiheit und des zttlichen Geſetzes in der Philoſophie noch nicht zu der Entwickelung gelangt waren, in welcher wir. he überkommen haben. Leſſing war der Wille das, was uns die Willkür iſt, nicht aber der in 6 ich freie Wille. Er ſelbſt klagt öfters, im Bewußtſein der Unzulänglichkeit der Worte für di t Zezeichnung der in ihm lebenden Begriffe, über die Armuth der Sprache. Wenn nun freilich Göth 6 veniger in Gefahr iſt, durch falſche Auffaſſung des Wortes von uns mißverſtanden zu werden a wir in dem von ihm außerordentlich bereicherten Sprachſchatze geradezu geiſtig leben und weben, o darf er doch, in Beziehung auf ſeine Weltanſicht nicht anders aufgefaßt werden, als der freili 4 einer Mitwelt voranſchreitende Sohn ſeiner Zeit, welcher aber deſſenungeachtet vornehmlich ir 3 Auffaſſung des Chriſtenthums den Charakter derſelben nicht verläugnen kann. Was er aber as gem von den Voreltern auf ihn vererbten Schatze gemacht, zu welcher allſeitigen Fülle er ihn 38 nehrt habe, zeigt zur Genüge ſeine geiſtige Entwickelung in ſeiner Jugendepoche. 1 Göthes Jugend und der größte Theil ſeines Mannesalters fällt in das Jahrhundert, welcheßß

zer zeigt es ſich, wie bei entgegengeſetzten geiſtigen Richtungen dasſelbe Wort auf ganz verſchieden Weiſe gedeutet wird. Indem nämlich die Einen unter Aufklärung den ewig dauernden Kampf deßt,

Schmerzen gehabt zu haben, welche der Stachel des Zweifels einer nach Wahrheit ringenden Seele auß N preßt; dieſes ſich Wohlſeinlaſſen auf dem Polſter einer ererbten Frömmigkeit, bei der man ſich die Zweien fel wie die Fliegen vom Leibe zu halten weiß, um deſto ſüßer ſchlummerm zu können, und um ſo ge 4 waltiger auf jeden losſchilt, der aus dieſem Schlummer uns aufrüttelt: das iſt wahrlich nicht der Ga gefällige Glaube, der Glaube, der die Welt überwindet. 2 *) H. Ritter über Leſſings philoſophiſche und religiöſe Grundſätze 8. 24:Bei ſeiner Erklärung de 5 Dinge wurde er aber auf eine Quelle alles Seins geführt, welche er in keinem. Begriff, in keinem Wor von irgend einer Bedeutung auszudrücken wagte. Daher wahrte er ſich auch gegen den Ausdruck perſönlicher Gott, welcher ihm im Beiſatze nur eine Beſchränkung zu enthalten ſchien. Sollte es nicht hinreichen, daß ere, ſeinem überweltlichen Gotte Bewußtſein und Handlung mit Bewußtſein beilegte, um das Weſentliche 5 deſſen auszudrücken, was andere unter dem Ausdruck perſönlicher Gott ſich denken, um ihn von dem 3 Vorwurfe, daß er die Vorſeh ung Gottes geleugnet habe, zu ſchützen?

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