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rrreichſten dichteriſchen Schöpferkraft ausgerüſtet, dieſe ihm verliehene Gabe dazu angewendet habe, rundſätze, welche Sittlichkeit und Religion gefährden, in dem verführeriſchen Reize der Poeſie aus⸗ ſprechen, zeiht man ihn doppelter und dreifacher Schuld.
Auch die größten Geiſter ſind begründeten Ausſtellungen, mehr aber noch unbegründeten An⸗ ndungen ausgeſetzt. Schon zu Lebzeiten des Dichters war in Weimar eine Partei raſtlos be⸗ iht, ihn aus ſeiner ehrenvollen perſönlichen Stellung zu verdrängen, ſeinen Charakter durch nekdotenkram zu verdächtigen, ja ſelbſt ſeinen unſterblichen Dichterruhm ſuchten unberufene Kritiker zu kleinern. Aber die Freundſchaft des edlen Carl Auguſt ruhte auf feſterem Grunde, als daß ſie rch Intriguen konnte erſchüttert werden; der Charakter Göthes tritt, je mehr Licht ſich über die heren perſönlichen Verhältniſſe durch die in neuerer Zeit erſchienenen Briefwechſel verbreitet, um reiner und größer hervor; ſeine dichteriſche Thätigkeit aber wird täglich und ſtündlich mehr und hr von ſeinem Volke anerkannt, trotz des blinden Lärms leidenſchaftlicher Eiferer, und trotz der neuerten Angriffe gegen den Inhalt und die Tendenz ſeiner Poeſie.
In dem Genius jedes wahren Dichters erblicken wir das Bild des wahren Menſchen; was olzes und Erhebendes in dieſem Worte liegt, tritt an ihm in voller Klarheit in die Erſcheinung. ſeinen Schöpfungen verkörpert ſich das Reinmenſchliche, welches der Ausfluß des ewig wirkenden ttlichen iſt; indem er auf dieſem unwandelbaren Grunde ſteht, iſt ſeine Wirkung gleich uner⸗ ütterlich und unermeßlich, er lebt für alle Zeiten, und noch in den fernſten Jahrhunderten findet r Wort in den menſchlich fühlenden Herzen ſeinen Widerhall. Aber als Menſch trägt der chter auch die Schranken der Menſchlichkeit an ſich. Wie ihm die Naturanlage beſtimmte Gren⸗ geſteckt, die er nicht überſchreiten kann, ſo vermag er ſich, wenn auch der begabteſte und geiſtig chhſte, doch nicht loszulöſen von den Sitten und von der Weltanſchauung ſeines Zeitalters. enn daher bei Betrachtung ſeiner Werke das Hiſtoriſche, welches, wie ein zufälliges Gewand die g gleiche menſchliche Geſtalt umhüllt, ſo den Kern ſeiner Dichtung umgibt, in unſerem äſthe⸗ hen Urtheile uns nicht beirren kann, ſo dürfen wir bei Beurtheilung der Perſon des Dichters dſeiner Weltanſicht den geſchichtlichen Grund nicht verlaſſen, und ihn mit einem andern, als n ſeiner Zeit entnommenen Maßſtabe meſſen wollen.
Aber in dieſer Beziehung iſt ſchon viel gegen unſere Dichter des vorigen Jahrhunderts ge⸗ lt worden. Wir meinen nicht blos von denen, die es ſich in ihrem Urtheile bequem gemacht, r gar von vornherein eine feindſelige Stellung gegen ſie eingenommen haben, und auf die Hagen⸗ hs Wort ſeine Anwendung findet, in welchem er ſich gegen die rigoriſtiſchen Beurtheiler Friedrichs Großen ausſpricht*), ſondern auch von ſolchen Kritikern, die bei ernſtem Streben nach Un⸗
) Hagenbach in ſeiner Kirchengeſchichte des 18. und 19. Jahrhunderts I, 236 ſagt:„Es iſt nichts Leich⸗ teres, als im ſicherem Gefühle deſſen, was man hat oder auch oft nur zu haben meint, über Menſchen zu urtheilen, die in ihrer Zeit und in ihren Umgebungen und nach ihrer beſonderen Gemüthsanlage einen ſchwereren Gang zu gehen hatten, als wir. Dieſe behagliche Stimmung einer glaubensſtolzen Orthodoxie, die auf die verirrten Brüder als auf Höllenbrände herabſieht, ohne je auch nur eine Ahnung von den
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