Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

26

abſtracten Rechte eine Heiligachtung der Pietät nicht übergangen, und vornehmlich die vielfach angefochtene Freiheit der atheniſchen Frauen dem Begriffe nach auch in ihrer Abgeſchloſſenheit begründet. Um uns alles Weiteren über dieſen letzteren Ge⸗ genſtand auch in hiſtoriſcher Beziehung zu begeben, verweiſen wir auf die mit Wärme und Beredſamkeit geführte Vertheidigung des ſittlichen Verhältniſſes der athe⸗ niſchen Frauen von Fr. Jacobs(Verm. Schr. IV. 159 307), wenn wir auch, wie Becker(Charikles II, 415 u. f.), dafür halten, daß dieſe Vertheidigung der ſittlichen Stellung derſelben und ihrer Geltung in den Augen der Maͤnner zu ſehr zu Gunſten dieſes Verhältniſſes ausgeführt iſt. Wir dürfen nie vergeſſen, daß der griechiſche Volksgeiſt immer noch von einem Moment der Natürlichkeit durchdrungen iſt, und daß er die Sittlichkeit zwar nicht negirt, aber auch die Ueberwindung des Sinnlichen, wie ſie in der durch die freie Subjectivität hervorgebrachten Stellung zeitweiſe in dem Mittelalter und zu unſerer Zeit erfolgt iſt, nicht ganz vollbracht hat. Ebenſowenig dürfen wir aber unberückſichtigt laſſen, daß das Verhältniß des Mannes zur Frau ſelbſt in der kurzen Zeit von den Perſerkriegen bis zum pelopon⸗ neſiſchen ein weſentlich anderes geworden ſei, da gerade in dieſer Zeit die Entwicklung des Volksgeiſtes und Aenderung ſeines Characters überhaupt ſehr raſch erfolgte. Die Zurückgezogenheit der Frauen war immer vorhanden, und lag im Begriff des atheniſchen Lebens, ob aber dies Verhältniß auf. gegenſeitige ſittliche Achtung nicht noch zu Aeſchylos Zeit weit mehr gegründet war, als zur Zeit des Euripides, das i*ſt eine andere Frage.

Dem concret⸗lebendigen Staate der Athener ſtand der abſtract⸗ſtarre Staat der Spartaner gegenüber. Schon der Urſprung beider Staaten iſt verſchieden. Sparta entſtand auf rein kriegeriſchem Grund durch Feſtſetzung der Dorier im Peloponnes, und die Verwirklichung ſeiner Staatsidee beruhte daher zumeiſt auf körperlicher Tüch⸗ tigkeit im Kriege; Athen aber verband die aus den ioniſchen Wanderungen hervor⸗ gegangene Tapferkeit mit dem Momente des zur Geiſtigkeit verklärten Lebens der Pelasger, der Urbewohner des Landes, zum Grundelement ſeines Charakters. Hier ſehen wir bei dem vollen Intereſſe an allen Staatsangelegenheiten zugleich die Beweglichkeit des Geiſtes, und die Ausbildung der Individualität ſowohl zur bürger⸗ lichen Tugend, als auch zur geiſtigen Schönheit, dort ein ſtrenges Beziehen alles Lebens auf den in abſtracten Formen beſtehenden Staat, und das gänzliche Aufgehen der Individualität in den Staat. Während in Athen jeder Bürger das Bewußtſein der individuellen Freiheit und Gleichheit hatte, exiſtirte in Sparta in Beziehung auf Recht ein ſtrenger Caſtenunterſchied, der ſich in der Herrſchaft der geringeren Zahl der Sieger über die Mehrzahl der Unterworfenen offenbarte; indem dort durch die Freilaſſung der Individualität im Staate der Erwerb des Reichthums gegeben war, hatte hier in Bezug auf Beſitz das abſtracte Gebot der Gleichheit Geltung. Dort war die Familie in concreter Einheit mit dem Staate, und in ihrer begriffsmäßigen Stellung als anerkannter Grund deſſelben, hier finden wir zwar eine gleiche Achtung