Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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der Ehe, indeſſen war ſie lediglich nur auf den Staat bezogen. Dort ſehen wir ein Familienleben, wenn auch der Mann mchr auf die Intereſſen des Staates gerichtet war, hier iſt daſſelbe faſt ganz durch die Syſſitien aufgehoben, und ſeiner Rechte auf Erziehung der Kinder verluſtig. In Athen waren die Sclaven Hausgenoſſen, und als ſolche betrachtet, hier ſind ſie Sclaven des Staates, und unter dem ſtarren Rechte deſſelben rechtlos und ſelbſt grauſam behandelt. Wenn nun auch durch Ausübung der abſtracten und durchs Geſetz geforderten Tugend eine ſtrenge Sittlich⸗ keit den ſpartaniſchen Staat in ſeiner Blüthe durchdrang, ſo war doch einestheils die Ausbildung zur freien Geiſtigkeit der Staatsidee fremd, anderntheils fand der Staat in dieſem abſtracten Vorhandenſein aller ſittlichen Verhältniſſe ſeinen Unter⸗ gang. Indem nämlich die Gleichheit nicht blos eine Gleichheit der Rechte, ſondern auch des Beſitzes in den Beſonderheiten des Staats ſein ſollte, ſo war der Natur der Sache nach dieſelbe bald geſtört, und die Gemüther verfielen beim unnatürlichen Gebote, das den freien Erwerb beſchränkte, um ſo eher der ſinnlichen Begierde und Luſt nach Schätzen und dem leidenſchaftlichen Genuſſe derſelben, da höhere geiſtige Bildung, in der erſt das wahre Bewußtſein des Gebrauchs irdiſcher Güter vorhanden iſt, ihnen verſchloſſen blieb. Indem aber dadurch die gleichmäßig ver⸗ theilten Güter in Weniger Hände geriethen, mußten ſich auf der andern Seite eine Menge ganz beſitzloſer Bürger finden. Analog hiermit ſchlug der Sinn für Abge⸗ grenztheit des ſpartaniſchen Staates in Eroberungsſucht um, die mit derſelben Habſucht vereinigt war, und Sparta ſelbſt dazu brachte, ſich mit dem Geſammtfeinde Griechenlands, mit den Perſern, in einen Bund zu begeben.

Was das Verhältniß der Frauen in Sparta betrifft, ſo war allerdings große Achtung derſelben vorhanden; man nannte ſie mit einernordhelleniſchen Galanterie 9εmQOριορα), ja man ſagte von den Spartanern, daß ſie zu ſehr unter dem Einfluß der Frauen geſtanden hätten. Dieſer Einfluß auf die Männer und auf Staatsangelegenheiten überhaupt ſteigerte ſich nachmals bei der Vermehrung der Güter der Frauen ſo ſehr, daß Ariſtoteles fragte, warum die Frauen nicht Obrigkeit ſein dürften, da die Obrigkeiten doch den Frauen unterthan wären. Aber bei aller Verehrung der Frauen in Sparta wurde das Familienleben doch nicht als ein auf Sittlichkeit und Geiſtigkeit baſirendes Verhältniß aufgefaßt, ſondern als ein auf der Natürlichkeit beruhendes; die Frauen waren nicht ſo ſehr in der Geltung als Hausmütter und Gattinnen geehrt, ſondern vielmehr als Mitglieder des Staates, welchen er kräftige Bürger verdanke, und in Conflicten zwiſchen Staats⸗ und Fami⸗ lienintereſſen waren die letzteren ſtets hintangeſetzt.

So geht in Sparta die Individualität ganz in die Allgemeinheit des Staates auf, und die Familie in ihrer Beſonderheit hat gleichfalls kein Fürſichbeſtehen, ſondern

*) Vergl. Müllers Dorier II, 280 sqq.