aufgehoben. Während dort der Herrſcherwille noch ein nach Natürlichkeit und Willkür verfahrender war, und das Volk ſich in ganz rechtloſem Zuſtand gegen denſelben befand, ſo tritt hier, ſtatt der Natürlichkeit des Einzelwillens, die Freiheit der geiſtigen Individualität in der Weltgeſchichte auf. Der Uebergang zu dieſer freien, geiſtigen Individualität iſt im perſiſchen Reiche gegeben, in welchem, als einem Aggregat von Völkerſchaften, jeder derſelben ihre Eigenthümlichkeit in Bezug auf Verfaſſung und Religion von dem erobernden Volke gelaſſen wurde, ſo daß alſo neben dem Willen des Herrſchers hier bis zu gewiſſem Grade die im Volke hergebrachte Sitte ſubſtan⸗ tielle Geltung hatte, und die Individualitäten ſich freier entwickeln konnten. Auch bei den Aegyptern war das Streben nach dem Freiwerden von der Natürlichkeit und nach dem Erfaſſen des Geiſtigen vorhanden, und in ihrer Religion und beſonders in der ſymboliſchen Kunſt veranſchaulicht. Das, was hier erſtrebt wurde, finden wir bei den Griechen erreicht, das Erſcheinen und Herrſchen des Geiſtigen über das Natürliche. Hier iſt die Ineinsbildung der Geiſtigkeit und Natürlichkeit in Form der freien Individualität gegeben, ſo daß dieſe von jener ſich ganz durchdrungen und erfüllt zeigÄt. In Beziehung auf das einzelne Individuum geſtaltet ſich dieſe gegen⸗ ſeitige Durchdringung des Geiſtigen und Natürlichen zur ſchönen Individualität, da die Schönheit eben das Erſcheinen des Geiſtigen am Körperlichen iſt; in Beziehung auf den Staat zur freien Individualität, indem das Geiſtige als allgemeine Subſtanz die Einzelnheit durchdringt, und dieſe in dem Erfülltſein von dem Subſtantiellen ſich ſelber frei weiß; in Beziehung auf Religion offenbart ſich dieſe Ineinanderbildung des Gei⸗ ſtigen und Natürlichen als ein Kreis anthropomorphiſirter Götter, die zu ihrem Weſen, wenigſtens in ſpäterer Zeit, die von der Geiſtigkeit und ſittlichen Subſtanz durch⸗ drungene ſchöne Individualität haben; in Beziehung auf Kunſt zeigt ſie ſich als das antike Ideal, in welchem das Schöne als das in dem Körperlichen wirklich vorhan⸗ dene Geiſtige ſo erſcheint, daß das Natürliche ſich ganz von ihm bis auf die Ober⸗ fläche erfüllt zeigt. Ueberall iſt alſo das Geiſtige vorhanden in Form der Indivi⸗ dualität. Dieſe Individualität trägt nach der Seite des Natürlichen hin den Charakter der Schönheit, nach dem Geiſtigen hin den der Freiheit; Freiheit und Schönheit aber ſind ſelbſt Momente des Ceiſtigen, und der griechiſche Geiſt kann daher als der der geiſtigen Individualität bezeichnet werden. Dieſe geiſtige Individualität hat aber die ſittliche Subſtanz noch unmittelbar, und nicht durch Reflexion in ſich; ſo wie das Moment der Natürlichkeit vom Geiſtigen in der griechiſchen Kunſt durchdrungen, aber noch nicht überwunden iſt, ſo iſt auch der natürliche Wille der Einzelnheit von der Subſtanz erfüllt, aber nicht mit Selbſtbewußtſein, welches das Element des Natür⸗ lichen negirt, ſondern es findet eine unmittelbare Totalität der ſittlichen Subſtanz und des ſubjectiven Willens ſtatt. Daher ſteht der Grieche in unmittelbarer Einheit mit dem Zwecke des Staates, in den durch Sitte und Gewohnheit bedingten Geſetzen; er hat die Idee der Sittlichkeit noch nicht als eine äußerliche, aus ihm herausge⸗ tretene, dem ſubjectiven Willen gegenüberſtehende, wie die Römer und beſonders die
Aufsatz
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
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