Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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Gliedern. In Aegypten ſehen wir eine ähnliche, die Freiheit des Individuums be⸗ ſchränkende, nur das äußerliche, natürliche Verhältniß des Blutes berückſichtigende Caſteneintheilung, wie in Indien, bei übrigens ganz verſchiedenem Volkscharakter. Die Aegypter waren ein in tiefem Frieden begriffenes, von allen fremden Nationen abgeſchloſſenes Volk, das in manchen Sitten einen gewiſſen Grad von Verweichlichung bekundet. Dieſe iſt beſonders in einzelnen Verhältniſſen des Mannes zur Frau er⸗ ſichtlich. Die Frauen verrichteten die Geſchäfte außer dem Hauſe, während die Männer dem Hausweſen vorſtanden, und das Weben beſorgten. Aehnliche Umkeh⸗ rungen der in der Natur begründeten beſonderen Verrichtungen des Mannes und des Weibes finden ſich auch in andern Beziehungen, und nach Diodor ſoll ſich ſogar der Mann zum Gehorſam gegen die Frau verpflichtet haben*).

In allen dieſen Staaten des Orients findet noch eine Trennung der ſittlichen Subſtanz vom ſubjectiven Willen des Individuums ſtatt. Das objectiv Geltende iſt dort entweder der Wille eines erobernden Herrſchers, der noch in das Natürliche verſunken iſt und der Willkür Raum giebt, oder eines nach religiöſen oder mora⸗ liſchen Geboten in der Weiſe eines Familienvaters oder Patriarchen herrſchenden, Gehorſam und Vertrauen fordernden Königs, der in manchen Staaten auch Hoher⸗ prieſter iſt, und eine Theokratie begründet. Die Gliederung der Stände, wo ſie in Staaten hervortritt, iſt in eine durch die Natürlichkeit des Blutes bedingte Feſtigkeit erſtarrt, nirgends aber iſt die geiſtig freie, von der ſittlichen Subſtanz in der Weiſe erfüllte Individualität, daß der ſubjective Wille in dieſer Erfüllung und Einheit von und mit dem Subſtantiellen ſich frei weiß. Im Gegentheil ſteigert ſich die Willen loſigkeit und Unfreiheit des Individuums bei einzelnen Völkern bis zu einem völligen Nichtachten und freiwilligen Aufgeben derſelben durch den Tod, wie bei den Indiern. Ebenſo iſt die Familie noch in der Geſtalt der mehr oder minder reinen Natürlichkeit, in der die unbewußte Sittlichkeit und die Pietät in der Form des Gehorſams gegen den väterlichen Willen und der Verehrung der Eltern zwar hin und wieder ange⸗ deutet iſt, wie in China, aber in ihrer vollkommenen Entwicklung zur Totalität, die das Moment der Einzelnheit und Beſonderheit in ſich hat, zur eigentlichen Freiheit der einzelnen Glieder, noch nicht vorhanden iſt, während in der Nichtachtung der Individualität bei den Indiern, und in der bei faſt allen Völkern herrſchenden Poly⸗ gamie das ſittliche, die Familieneinheit und Pietät begründende Element noch nicht ſichtbar iſt, und bei vielen Völkern ein gewaltthätiger Wille des Familienhauptes, parallel mit dem Despotismus in dem Staate, ſich geltend macht.

Dieſes Getrenntſein der Subſtanz von dem ſubjectiven Willen ſowohl in Be⸗ ziehung auf die Beherrſchten als auf den Herrſcher, welches der Charakter des ganzen Orients iſt, wird in Griechenland, wohin uns jetzt der Gang der Geſchichte führt,

*) Vergleiche Ierod. II. 35. Diod. I, 27. p. 31.