Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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Werth vollkommen anerkennen, wollen wir es verſuchen, auf einem andern Wege nicht allein des Sophocles Antigone(ſowohl die Tragödie, als den individuellen Cha⸗ racter der Antigone), ſondern auch die weiblichen Charactere der griechiſchen Tra⸗ gödie überhaupt zu beleuchten.

Wir gehen von dem Grundſatz aus, daß die Beurtheilung der Idee einer griechiſchen Tragödie, ſowie die Darſtellung und Erplication der Charactere aus dem griechiſchen Ideale ſelbſt entſpringen, und aus ihm entwickelt werden müſſe, und ſtellen deshalb die Elemente der antiken Weltanſchauung und des griechiſchen Geiſtes, wie er ſich in Staat, Religion und Kunſt offenbart, als die daſſelbe bedingenden Momente voran, und dann erſt führen wir das Einzelne und Beſondere auf das Allgemeine des Ideals zurück, indem wir vorerſt nur ſophoeleiſche Charactere, und unter ihnen die Antigone berückſichtigen.

Die Tragödie im Allgemeinen ſtellt uns den Menſchen in ſeinem ſittlichen Handeln, in den durch daſſelbe erzeugten Conflicten und ihrer Verſöhnung dar. Das Element ihres Inhaltes iſt daher die Sittlichkeit. Die handelnden Individuen in der Tragödie ſind aber Männer und Frauen, und es wird daher zuerſt die Frage ſein, welche Seiten der Sittlichkeit beide ihrem natürlichen und geiſtigen Unterſchiede nach in derſelben zur Erſcheinung bringen. Um daher die Stellung derſelben im Drama, und insbeſondere in der griechiſchen Tragödie wahrhaft erkennen zu können, müſſen wir vorerſt das Verhältniß der Männer und Frauen begriffsmäßig in Bezug auf die in ihnen herrſchenden ſittlichen Principe ihrem Gegenſatze nach betrachten, und dann die nationelle Beſtimmtheit des ſittlichen Zuſtandes der griechiſchen Welt rück⸗ ſichtlich dieſes Unterſchieds entwickeln. Hat ſich uns dieſe im Staatsleben und Religion ergeben, ſo werden wir unterſuchen, wie die griechiſche Kunſt und in ihr die Tragödie nach der Beſonderheit der claſſiſchen Kunſtform dieſen Gegenſatz in den männlichen und weiblichen Characteren objectivirt hat.

Die Sittlichkeit dirimirt ſich in zwei Sphären ihres Begriffs, in die der unbewußten und der bewußten. Die Verwirklichung der erſteren iſt die Familie, der letzteren der Staat. In der Familie iſt der ſittliche Geiſt ſich nicht ſelbſt offenbar, ſondern er iſt erſt unmittelbar vorhanden, er iſt nicht aus Selbſtbewußtſein hervorgegangen, ſondern ſich nur in der Empfindung wiſſend. Die Familie iſt als eine von der ſittlichen Subſtanz erfüllte Totalität zu faſſen, inſofern ſie eine Einheit bildet, die einen Geſammtwillen hat, welchen ſie im Anſtreben ihres ſittlichen Zweckes objectivirt. In dieſen Geſammtwillen hebt ſich der ſubjective Wille des Einzelnen ſo auf, daß er ein einzelnes Moment deſſelben wird. Aber dieſer Wille der Totalität iſt kein mit Bewußtſein als äußeres Geſetz gegebener, ſondern die unmittelbare ſittliche Subſtantialität als inneres Geſetz göttlichen Urſprungs, das ſich in der Empfindung der Liebe offenbart*). Der Begriff der Liebe iſt es, das eigene Selbſt im Andern

**) Von der Kraft des ungeſchriebenen, im Gemüthe des Menſchen liegenden Geſetzes, des

göttlichen Geſetzes der Liebe, redet auch ſchon Plato de legg. VIII., p. 838. 2