Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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die allgemein ſittlichen, für alle Zeiten gültigen Mächte menſchlichen Handelns am reinſten in ihrer Wirkung zur Erſcheinung bringt.

So reichhaltig aber die mit der Aufführung der Antigone in Beziehung ſtehende, ſowie die von ihr unabhängige Literatur über dieſe Tragödie iſt, faſt eben ſo ver⸗ ſchieden ſind die Urtheile über einzelne Seiten des Gegenſtandes, ja es tritt ſogar ein Gegenſatz in den Anſichten über die Idee des Stücks und in der Auffaſſung der Charactere hervor. Dieſer Mangel an Uebereinſtimmung beruht bis zu gewiſſem Grade in dem Gegenſtande ſelbſt, der, wie jeder wiſſenſchaftliche, eine mehr oder minder verſchiedene Auffaſſung geſtattet; mehr aber ſcheint er darin ſeinen Grund zu haben, daß man nicht von Einem Princip, dem alleinigwahren, bei der Beurtheilung ausgegangen iſt, vom Princip des claſſiſchen Ideals; daß man nicht hinlänglich die antike Weltanſchauung von unſerer Zeit getrennt hält, ſondern Vorſtellungen und Beſtimmtheiten der Gegenwart in die alte Tragödie hineinträgt. So ergeht es, um ein Beiſpiel anzuführen, dem Begriffe des Reinmenſchlichen, der in ganz verſchiedener Bedeutung gebraucht wird; einmal in ſeiner engeren Bedeutung, das anderemal Elemente des Nationalen in ſich tragend, die keineswegs in denſelben dürfen aufge⸗ nommen werden, ſo daß oft ein ſolches Reinmenſchliche des Griechenthums unſerm Begriffe von demſelben vielfach wiederſpricht.

Obgleich man ſich vielfältig und zu allen Zeiten gegen eine philoſophiſche Be⸗ handlung der Kunſtwerke im Allgemeinen ausgeſprochen hat, und in der Betrachtung der antiken Tragödie beſonders dieſelbe ganz zurückweiſen wollte, wie es Gruppe gethan*), ſo iſt doch in Bezug auf Erſteres zu bemerken, daß, weil die Philoſophie ihre Gegenſtände nach der innern Nothwendigkeit und in ihrem Zuſammenhang mit Umgebung und Zeit, und nicht nach der ſubſectiven Beſtimmtheit äußerer Claſſifica⸗ tion betrachtet, eine ſolche Behandlung auch hier nicht nur nicht zu verwerfen iſt, ſondern gerade um ſo mehr erforderlich ſcheint, um Stellung und Bedeutung der Kunſt und ihrer Werke in ihrem Zuſammenhange zu begreifen. In Betreff des Letzteren iſt zu erinnern, daß die Arbeit Gruppes ſelbſt beweiſt, wie es mit einem Raiſonnement, das ſowohl philologiſcher Grundlage als auch philoſophiſcher Conſe⸗ quenz und Begründung ermangelt, nicht gethan ſei, und wie die durch daſſelbe erhaltenen Reſultate ſich ſelbſt als ungenügend oder verfehlt ausweiſen.

Indem wir weit entfernt ſind, den trefflichen Abhandlungen einzelner Gelehrten über die Antigone in Beziehung auf Princip und Behandlung des Gegenſtandes, ſowie auf die in ihnen erzielten Reſultate irgendwie zu nahe zu treten, ſondern ihren

*) Ariadne p. 215: Man weiß, daß von Philoſophen nicht immer Einſicht in das eigentliche Weſen und Schaffen der Künſte zu fordern iſt, da ſie nun aber doch davon zu ſprechen haben, ſo ſuchen ſie darin nach Ideen und Gedanken, und wenn dieſe ihnen nicht immer in der verlangten Art daraus entgegenſprechen, ſo ſind ſie unverdroſſen, dieſelben hinein⸗ zutragen ꝛc. p. 70. u. a. a. O.