9
iſt dasjenige Moment der griechiſchen Tragödie, das in Beziehung auf die Orga⸗ niſation unſrer Zeit am meiſten fremd iſt, der Chor, durch die zwar das Antike anſtrebende, aber jedenfalls ihrem Elemente nach moderne muſikaliſche Compoſition Mendelſohns uns in der Darſtellung der Antigone näher gebracht worden*), und, was beſonders berückſichtigt werden muß, es iſt dasjenige Stück zur Aufführung gekommen, welches bei ſeinem unbeſtrittenen Kunſtwerth, neben nationalen Momenten
*)
beſonders auf die Oper hinwies, in welcher auf ähnliche Weiſe bei einfachen Situationen und Handlungen das Aeußere mehr überwiege. Vergl. Roſenkranz kritiſche Erläute⸗ rungen des Hegel'ſchen Syſtems. S. 43.
Eine Vermittelung des Formellen der Chorſtücke in der griechiſchen Tragödie mit unſerer Zeit verſucht O. Marbach in ſeinen„Meiſterwerken dramatiſcher Poeſie“, Band 1. König Oedipus von Sophocles, durch eine Ueberſetzung derſelben in Reimverſen. Wenn der Verſuch, in die claſſiſche Kunſtform ein romantiſches Element zu bringen, wegen der Gefahr einer Entſtellung des Charakters des antiken Ideals überhaupt bedenklich iſt, ſo lehrt in vorliegendem Falle die Ueberſetzung ſelbſt, daß die Tiefe und Würde der Chor⸗ ſtücke oft verflacht und herabgezogen worden iſt. Vergleiche die Recenſion von Bartſch in Jahns Jahrbüchern für Philol. und Pädag. Bd. 42. Hft. 1. Wenn übrigens der Re⸗ cenſent ſich gegen Aufführung antiker Tragodien ausſpricht, ſindem er es für vergebliches Bemühen halt, die einmal vergangene und in ſich abgeſchloſſene Welt des Alterthums aus ihrem Grabe heraufbeſchwören zu wollen, und eine Wiedergeburt des antiken Dramas für„ſehr unphilologiſch und von völliger Unkenntniß der Geſchichte und Entwickelung des Menſchengeiſtes zeugend“ ausgiebt, und gleich darauf die fortgeſetzten Bemühungen, das Verſtändniß und den Genuß der claſſiſchen Kunſtwerke durch Verdeutſchungen zu fordern, anerkennt, ſo liegt darin eine Inconſequenz, da die Ueberſetzungen ebenſo den antiken Geiſt in ſeiner Reinheit und Abgeſchloſſenheit nicht belaſſen, ſondern ſchon durch die fremde Sprache ein fremdes Element in denſelben bringen. Iſt aber überhaupt das Alter⸗ thum im Grabe, und todt für uns? Weht uns nicht aus jedem Schriftſteller der Geiſt deſſelben friſchlebendig an? und wir ſollten denſelben da, wo er von Individuen getragen uns entgegentritt, als aus dem Grabe kommend, betrachten? Was iſt aber eine Wieder⸗ geburt des griechiſchen Dramas? Daß die Tragödien gegeben werden, wie die Ueber⸗ ſetzungen franzöſiſcher Luſtſpiele, alle Woche einmal, das erwartet und denkt Niemand. Vor dem zweidentigen Ruhme, Spectakelſtücke zu werden, bewahrt ſie ihre eigene Würde, und aller Ausſicht nach das Publicum. Wenn ſie aber in größeren Zwiſchenräumen, noch ſeltener wie Gothe's und Schillers Stücke aufgeführt werden, und dadurch immer fremd und eigenthümlich, nicht dem Zeitgeiſt aufgedrungen erſcheinen, wird der geiſtige Genuß ſtets von neuem ſich erzeugen: dann können ſie auch poſitiv ähnlichen Einfluß uͤben, wie die Schiller'ſchen und Göthe'ſchen Dramata wirken, oder wenigſtens wirken ſollen, durch Bildung des Kunſtgeſchmacks. Denn wie ohnehin ſchon bei Beurtheilung der Kunſtwerke zu unſerer Zeit Jeder mehr oder weniger nach individuellen Anſichten und Launen verfährt, um ſo mehr, da die heutige Poeſie aller Gattungen Zerfahrenheit nach den divergenteſten Richtungen kund giebt, und in der dramatiſchen Poeſie, vornehmlich in der Oper, das Haſchen nach Effecten und das Streben nach äußerem Glanze unleugbar den Geſchmack verdorben hat, ſo ſind ſie vermöge ihrer einfachen Würde und Klarheit in Charakteren und Situationen, ſowie durch ihren objectiven Gehalt beſonders geeignet, einen wohl⸗ thätigen Gegenſatz zu bilden, und hierdurch wenigſtens den Weg auf lebendige Weiſe zu zeigen, den in dieſer Beziehung auch unſere Poeſie, ſowie die aller Zeiten, gehen ſollte.


