auf das Rcale hingewendet, und in dem Streben nach Erfaſſung des antiken Geiſtes in ſeinen verſchiedenen Seiten das Intereſſe an dem Alterthum verallgemeinert, und iſt auf der andern Seite durch die Philoſophie die antike Welt als ein integrirender Theil, als eine nothwendige Stufe der Entwickelung des Geiſtes in ihrem Zuſam⸗ menhang mit unſerer Zeit aufgefaßt, und als ein bedeutendes Moment unſerer Bildung ſyſtematiſch dargeſtellt worden, ſo iſt ebenſoſehr das Intereſſe an der Aufführung einer antiken Tragödie in unſeren Tagen, als das allgemeine Verſtändniß derſelben wohl zu erklären. Zudem aber liegt darin, daß das Griechenthum das Zeitalter der ſchönen Individualität iſt, und ganz beſonders die Idee der Kunſt als Darſtellung des Geiſtes in ſichtbarer Form verwirklicht und repräſentirt, eine um ſo größere Aufforderung, die Kunſtproducte der Griechen, ſeien ſie plaſtiſcher oder poetiſcher Art, in möglichſter Reinheit und Vollſtändigkeit vor Augen zu bringen. Fordern wir vielleicht auch in der alten Tragödie nach den Begriffen unſerer Zeit eine mehr ſubjective Innerlichkeit der Charactere, durch welche ſich eben beſonders das Romantiſche und Moderne dem Antiken entgegenſetzt, ſo werden doch die Stoffe und Individualitäten der griechiſchen Tragödie ſtets unſern Geiſt im höchſten Grade anregen und feſſeln, weil ſie die ſubſtantiellen und unwandelbaren Intereſſen der Menſchheit auf die reinſte Weiſe behandeln und zur Anſchauung bringen.
Wenn aber in Bezug auf ihre Aufführung in unſerer Zeit Hegel in ſeiner Aeſthetik Bd. III, 513 ſagt:„Was die griechiſche Tragödie vom Theater verbannt, liegt weniger in ihrer dramatiſchen Organiſation, welche ſich von der bei uns gewöhn⸗ lichen hauptſächlich durch den Gebrauch der Chöre abſcheidet, als vielmehr in den nationellen Vorausſetzungen und Verhältniſſen, auf denen ſie häufig ihrem Inhalte nach gebaut ſind, und in welchen wir uns ihrer Fremdheit wegen mit unſerem heutigen Bewußtſein nicht mehr heimiſch fühlen können, ſo iſt wohl zu beachten, daß einige Jahrzehnte zwiſchen dieſem Ausſpruch und unſerer Zeit liegen, in welchen die Kenntniß der antiken Weltanſchauung und Würdigung des griechiſchen Geiſtes beträchtlich vermehrt worden iſt, welche erregt und hervorgebracht zu haben, zu bedeutendem Theile auch als Hegels Verdienſt anerkannt werden muß*). Ueberdies
*) Zudem führt Hegel an dieſer Stelle den Philoctet als Beiſpiel an, der freilich am wenigſten geeignet wäre, unſer Intereſſe auf dem Theater zu erregen. Wie bedeutende Alterthumsgelehrten jetzt denken, haben wir oben geſehen. Schömann hofft eine Auffüh⸗ rung der Aeſchyleiſchen Trilogie, die freilich viele rein nationale Elemente hat, und um ſo weniger Vermittelungspuncte mit der Gegenwart, ſo daß von vornherein das Intereſſe an ihr im Allgemeinen geringer ſein wird. Wie ſehr aber überhaupt im Laufe der Zeit Anſichten, welche die Aufführung eines Stückes für ungeeignet und geradezu unmöglich ausgeben, durch den Erfolg ſelbſt widerlegt werden, iſt an Göthe's Fauſt erſichtlich. Der erſte Theil deſſelben war lange Zeit als ganz unzweckmäßig für eine Darſtellung gehalten worden, bis eine Verwirklichung derſelben im höchſten Grade anſprach. Göthe dachte ſogar, nach Eckermanns Geſprächen, an eine Aufführung des zweiten Theils, indem er


