Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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mantiſchen hervorgegangen iſt. Göthe ſelbſt iſt ſich dieſer Gegenſätze und ihrer Verſöhnung in ſich bewußt, und hat in der claſſiſch⸗romantiſchen Phantasmagorie im zweiten Theile ſeines Fauſt in allegoriſchen Figuren das mit Bewußtſein poetiſch geſtaltet, was Element und Richtung ſeiner reiferen Poeſie iſt, die Klarheit nämlich und Begrenztheit des antiken Ideals mit der Gefühlsinnigkeit der romantiſchen Kunſtform zu vereinigen.

Sowie auf dieſe Weiſe die Poeſie in ſich ſelbſt zu dieſen Gegenſätzen und zur Verſohnung des Antiken und Romantiſchen ſich ausbildete, und dieſelben zur objec tiven Anſchauung im Gebiete der Phantaſie brachte, iſt auch die Theorie der Kunſt den gleichen Weg einer Vermittelung gegangen, mit der näheren Beſtimmung, be⸗ ſonders für die frühere Zeit, daß ſie ſich, da das Romantiſche durch ſein Princip der Subjectivität, dem Principe auch unſerer Zeit, uns in ſeinem Grundelemente von Natur verwandt und eigenthümlich iſt, mit Bewußtſein mehr auf das in ſeinem Elemente uns fremde Alterthum gewendet, und nach dem Maaße ſeiner gediegenen Objectivität gegen das Ueberſchwängliche, ſeiner Reinheit und Einfachheit gegen die roheren Formen der meiſten mittelalterigen Dichtungen, daſſelbe mehr oder minder als Richtſchnur in Beziehung auf Kunſt und Poeſie bezeichnet hat. Winckelmanns Verdienſt und Leſſings Wirken war oben ſchon berührt, Schillers Streben und Grundſatz, aus kantiſcher Philoſophie entſprungen, auch theoretiſch als das Weſen des Schönen die Einheit des Geiſtigen und Sinnlichen aufzufaſſen, die aus dem Fichte'ſchen Idealismus hervorgegangene Kunſtanſchauung der Romantiker, Solgers u. Anderer, welche die Ironie zum Princip macht, und alles Subſtantielle als Schein auffaßt, adäquat mit der Philoſophie, aus der ſie ſich entwickelt, Schellings Lehre der Kunſt und ihre Faſſung im Zuſammenhang mit der Religion, die eigenthümliche Behandlung der Poeſie und vorzüglich die Auseinanderſetzung des Humors von Jean Paul, W. v. Humboldts und vornehmlich Göthe's Anſichten und Aus ſprüche über die Kunſt, haben alle das gemeinſame Streben in höherem oder gerin⸗ gerem Grade, durch Berückſichtigung und Schätzung der antiken Kunſt das Alter⸗ thum der Gegenwart näher zu bringen, und es auf dieſe influiren zu laſſen.

Die philoſophiſche Auffaſſung der Kunſt in ihrem Zuſammenhang mit den uͤbrigen Disciplinen, ſowie in ihrer hiſtoriſchen Entwicklung in den verſchiedenen Zeitaltern und bei den einzelnen Völkern, die Gliederung in ihre beſonderen Theile dem Begriffe nach, hat Hegel in ſeiner Aeſthetik auf umfaſſende Weiſe ans Licht geſtellt, und durch ſie beſonders dazu beigetragen, das Element der claſſiſchen Kunſt⸗ form und den wahrhaften Geiſt antiker Weltanſchauung zu einem exoteriſchen Eigen⸗ thum der Nation zu machen. Man würde ſich vergeblich bemühen, dieſen Einfluß der Hegel'ſchen Philoſophie auch in dieſer Beziehung wegläugnen, und den durch ihn gemachten Fortſchritt negiren zu wollen. Theils auf ihm fußend, theils von ſeinem Syſteme abweichend, erſchienen noch eine Menge Aeſthetiken, von philoſophiſchem Standpunkte aus behandelt, von denen wir nur Weiße's, deren Hauptverdienſt in