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cums gefunden. Sie iſt in eine Zeit gefallen, in welcher das, was Hegel in ſeiner Phänomenologie(S. 11) von der Philoſophie ſagt, auf die Kenntniß des Alterthums in Beziehung auf einen Hauptzweig der Kunſt angewendet werden kann; aus eſote⸗ riſchem Beſitzthum Einzelner wird ſie zum exoteriſchen, zur Errungenſchaft der Gebil⸗ deten der Nation; das was früher der Verſtändlichkeit entbehrte, wird jetzt begreiflich und fähig das Eigenthum Aller zu ſein. Und wie ſollte dieſe Zeit auch nicht haben erſcheinen müſſen? Iſt doch die Vermittelung des Alterthums mit der Gegenwart durch den Gang der fortſchreitenden Bildung ſelbſt nothwendig gegeben, die in dem claſſiſchen Boden des Griechenthums ihr weſentliches Fundament hat, und iſt doch jene deshalb ſchon geraume Zeit ein bewußtes Streben der größten Männer der deutſchen Literatur geweſen. Schon zur Zeit Klopſtocks und Leſſings war der Sinn für griechiſche Literatur und Kunſt erwacht; indem jener die antike Dichtkunſt in Form und objectiver Gediegenheit des Inhalts nachbildete, und dieſer in ſeinen kritiſchen Schriften in Bezug auf Poeſie vorzüglich auf die Meiſter des Alterthums neben den Engländern hinwies. Zudem aber wandte Leſſing, wie Winckelmann, den Blick der Nation auf die Werke der griechiſchen Plaſtik, und während dieſer von Italien aus die Deutſchen mit einer Menge Sculpturwerke bekannt machte, und auf poſitive Weiſe einen neuen Sinn für Kunſtbetrachtung ſchuf, verfuhr Leſſing wieder negativ, und brachte, beſonders im Laokoon, theoretiſch die Künſte auf ihre Einfachheit und beſtimmte Grenze zurück. Was ſo begonnen war, führte vorzüglich Göthe weiter fort, indem er in Italien an den plaſtiſchen Werken der Alten den Geiſt der griechiſchen Kunſt ſtudirte, und unter dem Einfluß derſelben die Poeſien der zweiten Periode ſeiner dichteriſchen Entwicklung hervorbrachte, und durch ſie die deutſche Literatur dem Alterthum näher rückte. Sein Taſſo und mehr noch ſeine Iphigenie geben uns bei ganz moderner Weltanſchauung ein Bild der Einfachheit und Würde der alten Tragödie; und von nun an ſehen wir bei ihm in allen ſeinen Gedichten die Formreinheit, die dem claſſiſchen Alterthum entgegenſtrebt. Daſſelbe Streben iſt beſonders bei Voß in älterer und Platen in neuerer Zeit erſichtlich. Wenn auch, vorzüglich durch die romantiſche Schule, das Moment der romantiſchen Kunſtform des Mittelalters in die deutſche Literatur mit Bewußtſein eingeführt wurde, und ſelbſt Göthe in der letzten Zeit ſeines Lebens unter dem Einfluß dieſer Schule, wenn auch oft im Gegenſatz zu derſelben, gedichtet hat, ſo können wir doch keineswegs ein Entgegenſtreben dieſer Richtung gegen das Caaſſiſche erblicken, indem in A. W. Schlegel vorzüglich Voſſens Ueberſetzungskunſt zum zweitenmal erſchien, und Göthe's claſſiſche Dichtungen als Canon von den Romantikern anerkannt wurden. Sowie in Göthe das unbewußte romantiſche Element in den Productionen der erſten, und der Ausbildung zum Claſſiſchen in der zweiten Periode ſeiner dichteriſchen Thä⸗ tigkeit ſich verſöhnten, und eine dritte, reflectirende Periode ſeiner Schöpfungen hervor⸗ riefen, die beide Momente aufgehoben in ſich befaßt, ſo läßt ſich im Allgemeinen vom Modernen ſagen, daß es aus den vereinten Gegenſätzen des Antiken und Ro⸗


