Aufsatz 
Die weiblichen Charaktere der griechischen Tragödie, entwickelt aus der Weltanschauung der Griechen
Entstehung
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Hie weiblichen Charactere der griechiſchen Tragödie entwickelt

aus der Weltanſchauung der Griechen.

Das Studium der griechiſchen Tragödie beſchäftigt in unſerer Zeit in hohem Maaße die Gelehrten, und vornehmlich hat des Sophocles Antigone die Aufmerk⸗ ſamkeit derſelben auf ſich gelenkt. Die Veranlaſſung dieſer näheren Beſchäftigung beſonders mit letzterer Tragödie iſt äußerlich größtentheils in der zu Berlin angeregten Aufführung derſelben zu ſuchen; der innere Grund aber liegt in dem allgemeinen Streben, die Gegenwart mit dem Alterthum mehr und mehr zu vermitteln. Sowie es höchſt anerkennungswerth iſt, daß ein kunſtſinniger König die erſte Anregung zur Darſtellung derſelben gab, und ſie durch Darbietung aller nöthigen Mittel möglich machte, ſo iſt auf der andern Seite nothwendig geweſen, daß das Publicum, dem dieſer Genuß durch die Aufführung zu Theil wurde, die zum Verſtändniß erforderliche Bildung und Einſicht beſaß; die neue Stufe der Vermittelung unſerer Zeit mit dem Alterthum, antike Tragödien auf unſerem Theater zu geben, war gleicherweiſe durch jene Anregung, wie durch eine hinreichende Bekanntſchaft mit dem Geiſte des Alter⸗ thums von Seiten des Publicums bedingt. Daß aber die Idee der Darſtellung einer alten Tragödie zu unſerer Zeit kein ſubjectiver, mit dem Fortſchritte des Geiſtes nicht zuſammenhängender Einfall, ſondern ganz dem naturgemäßen Entwicklungsgang des gebildeten Theils der Nation auf äſthetiſchem Gebiete angemeſſen war, hat, trotz aller einſeitigen Gegenreden und Raiſonnements der Nichtkenner und Kenner des Alterthums, der Erfolg in den wiederholten Aufführungen der Antigone an verſchie⸗ denen Orten gelehrt. Wem es vergönnt war, einer ſolchen Darſtellung beizuwohnen, der wird erkannt haben, eine wie bedeutende und wirkungsreiche Erſcheinung ſie an und für ſich ſelbſt geweſen, und welchen Boden ihre Wirkung im Geiſte dee Publi⸗