Aufsatz 
Ausgeführter Lehrplan für den deutschen Unterricht in der Sexta der Realschule
Entstehung
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6 2. Besprechung der Lesestücke.

Bei der Behandlung eines Lesestücks ist wie bei jeder unterrichtlichen Tätigkeit ein bestimmter Gang einzuhalten. Dem Nachstehenden liegen die Herbart'schen Formalstufen zugrunde, und zwar habe ich versucht, sie in der Weise durchzuführen, wie Frick es in seinerBesprechung deutscher Lesestücke in den unteren und mittleren Klassen ¹) verlangt.

Da der Schüler einen neuen geistigen Inhalt nicht unvermittelt in sich auf- nehmen kann, muss sich an die Zielangabe eine orientierende Vorbesprechung auschliessen. Diese hat den Zweck, die Erwartung des Schülers zu spannen und ihn in die Verfassung zu setzen, bei der die Rezeption sich am leichtesten vollzieht. Man ruſt unter An- knüpfung an die Erfahrungswelt diejenigen Vorstellungsreihen wach, die zur Aufnahme des Neuen geeignet sind ²). Oft wird es genügen, durch Vorzeigen eines guten Bildes oder andern Anschauungsmittels das erforderliche Interesse zu erwecken. Eine griechische Götter- oder Heldengestalt3) vor Augen zu haben, wirkt mehr als viele einleitende Worte. Uberhaupt muss die ganze Vorbesprechung den Vorzug der Kürze haben; man bediene sich dabei am besten der fragenden Entwicklung.

Die eigentliche Darbietung des Neuen erfolgt in vortragender Form, entweder durch Vorerzählen oder Vorlesen. Im Anfang gibt man am besten eine der Fassungs- kraft der Schüler angemessene Erzählung. Diese bedarf der sorgfältigsten Vorbereitung durch den Lehrer; sie musseinfach, fasslich, stücklich, übersichtlich, anschaulich und lebendig 4) sein. Von Zeit zu Zeit überzeugt man sich durch Fragen von der Auf- merksamkeit der Klasse. Das Vorlesen bietet den Vorteil, dass der Schüler gleichzeitig seine Lesekunst bildet; zum vollen Verständnis erscheint es allerdings notwendig, alle Schwierigkeiten in der Vorbesprechung durch kurze Erklärungen aus dem Wege zu räumen. Beim Lesen sind die Hauptteile durch Pausen zu markieren; zur Kontrolle der Aufmerksamkeit können an dieser Stelle wiederum Fragen eingestreut werden. Nach denselben Abschnitten, nicht nach Absätzen erfolgt dann das Nachlesen von seiten der Schüler. Nun schreitet man zur Betrachtung der einzelnen Teile, von denen jeder als Einheit aufzufassen ist. Die in jedem Abschnitt enthaltenen neuen Wörter und Wendungen werden erklärt; die Schüler unterstreichen sie, damit sie beim Durchlesen zu Hause nicht gedankenlos darüber hinweggehen. Zum Schluss wird an die Klasse die Frage gerichtet, ob noch irgend eine Unklarheit vorhanden ist. Man setze bei den Schülern nicht allzuviel voraus, von den einfachsten Begriffen kann sich der Sextaner oft keine oder nur eine verworrene Vorstellung machen. Es ist darum gut, wenn die schwer verständlichen Wörter ab und zu von den Schülern selbst abgefragt werden. Mit der Worterklärung geht die des Inhalts Hand in Hand. Sodann werden die Personen näher betrachtet, sowie Ort und Zeit der Handlung festgestellt. Schliesslich wird der ganze Abschnitt möglichst in einen Satz zusammengefasst und daraus eine Uberschrift gewonnen, die an die Tafel geschrieben wird. In dieser Weise ist jede der Einheiten zu behandeln. Das Sammeln der Uberschriften erleichtert dem Schüler die

¹) Siehe Lehrproben und Lehrgänge VI S. 110--113.

) Vergl. Schiller, 1894 S. 313.

³) Gute Abbildungen derart finden sich in Wägner: Hellas, das Land und Volk der alten Griechen, 1877. Hertzberg: Geschichte von Hellas und Rom, 1879.

4) Vergl. Frick: Winke, betreffend die Kunst des Erzäühlens. Lehrproben und Lehrgänge IV, S. 107/108.