5 werden. Ausserdem sind die Schüler von vornherein anzuhalten und immer wieder zu ermahnen, zu Hause stets laut zu lesen und jede ungeläufige Stelle sofort zu wiederholen.
In die Unterrichtsstunde selbst fällt in erster Linie das korrekte Lesen, d. h. die deutliche und fehlerfreie Aussprache. Jeder Laut muss richtig zu Gehör gebracht werden schon deswegen, weil dies für das Schreiben eine besonders wichtige Rolle spielt. Dialektische Eigentümlichkeiten sind möglichst zu bekämpfen; dahin gehören in unsrer Gegend das Verschlucken der Endsilben, das Verwechseln mancher Laute, wie der stimmhaften und stimmlosen Konsonanten, der Vokale e und ö, i und ü, der Diphtonge ei und en, die mangelhafte Aussprache des r. Das Lesen mit richtiger Aussprache muss im Anfang bedächtig und langsam erfolgen; viele Schüler lesen deshalb so schlecht, weil sie zu rasch lesen.
Ungleich grössere Schwierigkeiten wie das korrekte Lesen bietet die nächste Stufe, das sinngemässe oder verständige Lesen. Es hat zur Voraussetzung, dass der Schüler den Inbalt versteht und den Sinn des ganzen Satzes einigermassen überschaut. Es erfordert Beachtung der Interpunktion, also Anwendung kleinerer und grösserer Pausen, Atemholen an richtiger Stelle und vor allem richtige Betonung. Diese selbst besteht„einerseits in dem Senken der Stimme am Ende des Satzes und im Heben des Tons am Schlusse von Fragen und Vordersätzen, andrerseits in der Verstärkung der Stimme bei den einen Gegensatz bildenden Wörtern und in Hervorhebung der Wörter, die den Hauptton tragen“ ¹). Alles ist erst nach und nach und durch das Beispiel des Lehrers zu erlernen. Im Anfang empfiehlt es sich, die hochbetonten Wörter im Buche unterstreichen zu lassen, allmählich müssen die Schüler so gefördert werden, grobe Verstösse gegen die Betonung zu verbessern. Die Kenntnis der verschiedenen Wort- gattungen ermöglicht es ihnen, zu wissen, welche Wörter im Satze meistens den Haupt- ton tragen und welche für gewöhnlich unbetont sind. Ferner wird des Lehrers Beispiel sie dazu führen, die direkte Rede aus dem Satzzusammenhang nachdrücklich hervor- zuheben. Zur Einübung wird man zweckmässig beim Lesen von Stücken, die Gespräche enthalten, die Rollen verteilen lassen.
Mit der Gewöhnung der Sextaner an eine richtige Betonung ist noch nicht alles erreicht, was geleistet werden kann. Der Schüler soll auch beim Lesen zeigen, dass er den Gedanken mitempfindet,„indem er der Seelenstimmung, aus der heraus er geschrieben ist, durch passende Modulation der Stimme Ausdruck zu geben gewöhnt wird“* ²). Fehlt der Ausdruck des Verständnisses und jedes inneren Verhältnisses des Schülers zu dem, was er liest, so bleibt das übrig, was man Schulton nennt. Die Folge eines solchen Lesens wäre, dass die natürliche, echte Betonung der Rede überhaupt verkümmert; „mit der Vernachlässigung der Betonung, d. h. natürlich nicht des vereinzelten groben Ausdrucks, sondern der gesamten Modulation der Sprache wird ihr mehr als ihr musika- lischer Reiz, gleichsam der seelische Charakter genommen“ ³).
Zum Schluss sei noch bemerkt, dass die verschiedenen Lesestufen nicht nach- einander, sondern nebeneinander zu pflegen sind. An Stücken, die sich besonders dazu eignen, ist das mustergültige oder kunstgemässe Lesen einzuüben. Das Lesen wird so zur Lesekunst erhoben.
¹) Siehe Kortz, S. 17. ²) Siehe Boock, S. 5. ³) Siehe Münch, S. 131.


