Aufsatz 
Beurteilung der Politik, welche die Athener während des thebanisch-spartanischen Krieges befolgt haben / von Arthur Seibt
Entstehung
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In Theben hatte man keine Zeit, kleinlichen Gefühlen Raum zu geben; hier steuerte man auf grosse Ziele los: nationale Erhebung gegen Spartas Bedrückung, dessen Beschränkung auf seine natürlichen Grenzen und vollständige Unabhängigkeit aller peloponnesischen Staaten. Epaminondas unterdrückte alle bittern Gefühle, welche seit dem Kongress in Sparta in seinem Herzen gegen Athen leben mussten; er hatte nur das grosse Ziel vor Augen und deshalb erkannte er auch rückhaltslos Athen als den leitenden Staat des im Jahre 378 geschlossenen Bundes an. Doch die Athener wiesen ein solches Entgegenkommen schnöde zurück; denn der Arger über Thebens ruhmvolle Erhebung war grösser als die Freude über die demütigende Niederlage Spartas. Klüger dachte Jason; er wusste sich die Verhältnisse zu Nutze zu machen. Nach der Schlacht bei Leuctra war er von den Thebanern um Unterstützung gebeten worden. Unversäumt war er erschienen und hatte zwischen den Kriegführenden vermittelt; auf seinem Rückzuge aber zerstörte er die Mauern von Heraclea, dem Schlüssel von Hellas. Von den Rüstungen Jasons und seinen hochfliegenden Plänen war man in Hellas längst unterrichtet; da mussten doch nach einer solchen Gewaltthat allen die Augen geöffnet werden. Seine Macht im Norden war so gross, wie es vorher keine gegeben hatte: die tributpflichtigen Nachbarn in Epirus hielt er in vollständigem Gehorsam, und Macedonien war schon teilweise von ihm abhängig; sein Heer war gut bezahlt, gut geübt und so gross, wie es nie vorher eines in einem Staate Griechenlands gegeben hatte, und schon fing er an, in der trefflichen pagasaeischen Bucht sich eine Flotte zu bauen; gewiss waren seine Augen schon auf Chalcidice gerichtet. Es war also grosse Gefahr für Athen vorhanden, seine Stellung als erste Seemacht einzubüssen. Doch in Athen sah man nicht so weit in die Zukunft, man sorgte nur für die Gegenwart. Es war dies ein Vorspiel der Zeiten Philipps, nur dass später die warnende Stimme eines Demosthenes die Athener aus dem Schlummer wach rief. Es war hier genug Veranlassung da, wieder einzulenken, um mit Theben wieder in ein herzliches Verhältnis zu kommen, da Boeotien das natürliche Bollwerk gegen Jason war. Epaminondas sah sich also genötigt, wenn er sein grosses Ziel, von dem er allein Rettung für Hellas erhoffte, erreichen wollte, selbst die Rolle zu übernehmen, welche er den Athenern, als den Führern des Bundes, in loyaler Weise zugedacht hatte. Überall schickte er Gesandte hin, um die Hellenen zur Teilnahme an der Befreiung aufzufordern; Phocis, Euboea, Locris schlossen sich freudig seiner Führung an. Die Athener, welche die höchst traurige Rolle der Schmollenden gespielt hatten, waren somit durch ihre Schuld zurückgedrängt worden; vor ihren Augen war Theben, auf das sie immer mit einer gewissen Geringschätzung herabzusehen gewohnt waren, plötzlich zur ersten Macht in Griechenland emporgewachsen. Das waren die Früchte, welche die athenische bpolitik gezeitigt hatte. Früher hatten die Athener die Anregung zu allen grossen Unternehmungen gegeben; jetzt mussten sie selbst getrieben werden. Sie schämten sich nun doch, so überflügelt worden zu sein, und glaubten nun doch etwas thun zu müssen, um dem Weitergreifen der thebanischen Macht Einhalt zu thun und selbst eine grössere Bedeutung zu gewinnen. Die Verhältnisse in Peloponnes hielten sie für günstig, um sich wiederum einen Schein von Macht zu geben.

Mit der Schlacht von Leuctra war die Furcht vor Sparta verschwunden, der Nimbus seiner unübertrefflichen Kriegstüchtigkeit war durch die thebanische Waffenthat überstrahlt worden; man bekam wieder Selbstvertrauen, und überall trat eine gewaltige Reaktion ein; wo die Spartaner der Sicherheit wegen noch Harmosten gelassen hatten, wurden dieselben