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allerdings bald abgeholfen, da sie nach ihrem Siege über Olynth und nach der Auflösung des olynthischen Bundes die Städte einzeln in die Verbündeten Spartas einreihten und somit über Schiffe und Mannschaften zu verfügen hatten.
Hier bei Olynth trat die Unselbständigkeit und Schwäche der Politit der Athener recht deutlich hervor. Sie hatten bei ihrem Streben, sich auf dem Meere wieder eine Macht zu erwerben, bei dem mächtigen olynthischen Bunde um Bundesgenossenschaft nachgesucht; ebenso Theben, welches in dem Drange der Verhältnisse sich nach Beistand umsah. Die Olynthier hatten schon beschlossen, in Erwiderung eine Gesandtschaft nach Athen zu schicken, um das Bündniss abzuschliessen; da wurden die Unterhandlungen des Cligenes aus Apollonia mit den Spartanern und deren Entschluss, die chalcidischen Städte von der Hegemonie der Olynthier loszureissen, kund. Rasch brachten die Thebaner das Bündnis zu Stande, während die Athener aus Furcht vor Sparta alle Unterhandlungen mit Olynth abbrachen. Es musste erst eine so drohende Gefahr wie die versuchte Uberrumpelung des Piraeus durch Sphodrias an die Athener herantreten, ehe sie gegen Sparta aufzutreten wagten. Es nimmt dies um so mehr Wunder, als die Athener damals schon wieder über eine recht achtunggebietende Flotte gebieten mussten, denn Isocrates nahm im Jahre 380 in seiner panegyrischen Rede zu dem gegen die asiatischen Barbaren in Anregung gebrachten Kriegszuge für die Athener das Recht des Oberbefehls zur See in Anspruch. Die Athener mussten wissen, dass die öffentliche Stimme in ganz Griechenland Sparta verdammte, Schon seit dem furchtbaren hellenischen Bruderkriege hatten alle wahren Vater- landsfreunde eingedenk der Einheit, welche zum ersten Male unter der drohenden Persergefahr bewerkstelligt worden war, nur in der Bekämpfung der natürlichen Feinde des Hellenentums Heilung der selbstgeschlagenen Wunden erwartet. Iierauf hatte Plato seine einzige Hoffnung gesetzt; ein grosser Volkskrieg gegen Persien war das Thema, welches die Sophisten, gan⸗ besonders aber Gorgias, immer mit grossem Glück in ihren Reden behandelten. Mit ernster Stimme wies Lysias 384 bei der olympischen Feier auf die trostlose Lage von Hellas hin, das zwischen die syracusanischen Tyrannen und persischen Könige eingekeilt bei der ſortwährend bestehenden Zerrissenheit von Hellas und bei der Gleichgiltigkeit Spartas ein Raub dieser gefährlichen Nachbarn werden musste. Die Gedanken der Besten sprach aber Isocrates erst aus, als er in seinem Panegyricus grade die Führung in den grossen Volkskriegen gegen Persien für die Athener forderte; lieber mochten doch gewiss die Inseln und Küstenstädte wieder Bundesgenossen Athens werden als der erneuerten Willkürherrschaft der Spartaner entgegengehen. Athen und Theben hätten damals ihre ganzen Mittel aufbieten müssen, um die Absichten der Spartaner zu durch- kreuzen, denn was das heissen sollte, die chalcidischen Städte von der Hegemonie Olynths befreien, mussten sie ja nach der Erfahrung mit dem boeotischen Bunde ermessen können. Sparta konnte nur zu Lande seine Truppen nach Norden schicken. Mit wenigen Mitteln konnten also die Athener, was sie auch einige Jahre nachher thaten, den Pass über den Cithaeron verlegen; ferner war die Gelegenheit günstig, im Einverständnis mit der boeotischen Partei in den von Sparta abhängigen Städten Boeotiens sich der spartanischen Harmosten und Besatzungen zu entledigen; ebenso gut wie einige Jahre nachher, hätten die Athener bei einiger Energie das Seebündnis mit den Inseln schon jetzt herstellen und durch den Periplus des Peleponnes Sparta in die tödlichste Gefahr bringen können. Olynth hatte dann die Freiheit, sein Bündnis, das auf so humanen Grundlagen ruhte, wie noch kein anderes seither in Griechenland, zu befestigen und die widerstrebenden Städte vollends zum Anschluss zu bewegen. So hätte sich im Norden


