Aufsatz 
Beurteilung der Politik, welche die Athener während des thebanisch-spartanischen Krieges befolgt haben / von Arthur Seibt
Entstehung
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dienten. Der rücksichtsloseste Parteiegoismus herrschte. Man hütete nicht ängstlich mehr den Peleponnes, sondern die Weltlage beschäftigte die leitenden Männer. Es galt jetzt das nach dem peleponnesischen Kriege Versäumte nachzuholen; denn man hatte inzwischen die Politik Lysanders schätzen gelernt und sie sich zu eigen gemacht.

Die Drohung des Agesilaus, vom Vertrage ausgeschlossen zu werden, zwang die Thebaner, ihren Abgeordneten den Eid auf den Vertrag für Theben allein leisten zu lassen und also somit die andern boeotischen Städte als selbständig anzuerkennen. Die Argiver mussten sich von Corinth zurückziehen und die argiverfreundlichen Corinther gingen in freiwillige Verbannung.

Athen war nun isoliert, und als Herr des Isthmus hatte Agesilaus freies Handeln gegen Theben gewonnen. Angeblich um ihre Selbständigkeit gegen Gefahren von Seiten ihres früheren Vororts zu schützen, war in allen boeotischen Städten eine örtliche Oligarchie eingesetzt, welche von Hingebung für Sparta erfüllt war und welche im Notfalle durch einen spartanischen Har- mosten mit einer spartanischen Besatzung aufrecht erhalten wurde. Orchomenus und Thespiae waren die Hauptstützpunkte für Sparta. Der härteste Schlag für die Thebaner war die Wieder- herstellung von Plataeae. Dreierlei erreichten hierdurch die Spartaner; denn erstens schwächten sie die Macht Thebens, welches 40 Jahre im Besitze des Gebietes gewesen war; zweitens erhielten sie einen neuen Stützpunkt in Boeotien nahe am Isthmus und der attischen Grenze, und endlich war es auf Erneuerung des Zwistes zwischen Theben und Athen abgesehen, da ja die Sympathie der Plataeenser für Athen ebenso alt war als die Antipathie gegen Theben. Freilich mussten die Athener bald einsehen, dass Plataeae dadurch nicht viel gewonnen hatte, da sie nichts anderes als Unterthanen der Spartaner geworden waren. Auf die empörendste Weise verfuhren diese gegen ihre Bundesgenossen. Das harte Einschreiten gegen Mantinea ist von den Geschichtsschreibern nur als das abscheulichste Beispiel angegeben worden; denn in ähnlicher Weise verfuhren sie gegen alle, welche ihnen Grund zu Misstrauen gegeben hatten. Überall kehrten die lacedämonierfreundlichen Verbannten als Parteigänger für die Zwecke Spartas zurück.

Die Lage Athens war nun sehr bedenklich geworden; denn an den Grenzen des Landes zog sich eine ganze Reihe von spartanischen Zwingburgen hin, und schon trachteten die Spartaner danach, ihre frühere Seeherrschaft wiederzuerlangen. Ihr letztes Ziel konnte nicht verborgen bleiben; so lange Athen noch Lebenskraft besass, konnte Sparta sich seiner Erfolge nicht dauernd und ruhig erfreuen. Das seit 394 steigende Ubergewicht der neuen athenischen Flotte, das Schreckbild der neuen Mauern hatte die Spartaner zu solchen Massregeln geführt, die Weigerung der boeotischen Partei, die mit Andocides vereinbarten Friedensbedingungen anzunehmen, hatte es darin nur noch bestärkt, Mehrere Cycladen und andere kleine Inseln waren schon tribut- pflichtig geworden. Freilich hatten hier die Spartaner an den Athenern einen gefährlichen Konkurrenten.

Die kleinen Inseln, welche keine eigene Marine hatten und wie Athen der Korneinfuhr bedurften, waren darauf angewiesen, sowohl im Piraeus Korn zu kaufen, als auch gegen das Piratenwesen, welches seit dem Frieden des Antalcidas in Folge des Mangels einer hervor- ragenden Seemacht üppig wucherte, sich durch die athenischen Trieren Schutz zu verschaffen. Durch einen mässigen Tribut erlangten sie Beides. Hiermit war also schon der Grund zu einer Macht gelegt. Den eigenen Mangel an Seeleuten und Schiffen wurde bei den Spartanern