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Athens; sie sahen im Geiste Athen wieder als das stolze Haupt eines mächtigen Seestaates. welcher das Hellenenthum repräsentierte. Es wurde ihnen immer klarer, dass eine Einheit wie sie unter Lysander bestand, nicht mehr haltbar war, und dass sogar eine Hegemonie über den Peleponnes unmöglich geworden war, da sich überall ein immer mächtiger werdender Drang nach Staatsverbindungen geltend machte. Hier musste wieder wie ehedem im peleponnesischen Kriege das mächtige Zaubermittel, die städtische Freiheit, helfen; die allgemeine Zersplitterung sollte die Bildung einer Einheit gegen Sparta unmöglich machen. Das, was die Spartaner selbst nicht im Stande waren durchzusetzen, wollten sie einem andern unmöglich machen. Aber die Verheissung der Freiheit, welche sonst auf jeden Griechen einen überwältigenden Einfluss ausübte, konnte nach den zehnjährigen Dekarchieen keinen Glauben mehr finden. Deshalb sollten diesmal die Hellenen die Freiheit von Sparta auf königlichen Befehl erhalten. Für solche Vorschläge fand Antalcidas bei Tiribazus ein geneigtes Ohr.
Nach einem solchen Umschwunge der Verhältnisse erhob die oligarchische Partei in Athen wieder ihr Haupt; es gelang ihr, indem sie darlegte, wie Sparta nur mit persischer Hilfe den peleponnesischen Krieg zu einem für seine Zwecke günstigen Ende gebracht hätte, eine Friedens- stimmung hervorzubringen und die Unterhandlungen mit Sparta zu beschliessen. Zuletzt behielt aber doch die boeotische Partei die Oberhand. Die Friedensbedingungen, welche Andocides mitbrachte, wurden verworfen und die Fortsetzung des Krieges beschlossen. Von da ab standen sich nun die Parteien wieder schroffer gegenüber. Dieser Beschluss war durchaus unverständig, denn die Friedensbedingungen boten so viel, als Athen für die unverhältnismässig geringen Opfer nur immer verlangen konnte. Der Friede des Antalcidas war die Entschädigung dafür, und die boeotische Partei, welche jetzt erst recht ihre naturgemässe Politik hätte konsequent durch- führen müssen, hatte in Thrasybul ihre beste Kraft verloren. Sie hatte dem Callistratus, dem Führer der oligarchischen Partei, keine ebenbürtige Kraft gegenüber zu stellen. Diese war jetzt die herrschende Partei geworden; sie zog den opferscheuen Demos, den Thrasybul noch für eine kühne und männliche Politik zu begeistern verstanden hatte, auf ihre Seite. Während die boeotische Partei den engsten Anschluss an Theben als ihren Grundsatz aufstellte, wollte Callistratus auf keinen Fall Athen an Theben gebunden sehen; er ging trotz aller Erfahrungen, welche mit Sparta gemacht worden waren, auf die cimonische Politik zurück, da er es für möglich hielt, die Ubergriffe Spartas durch eine entschlossene Haltung abzuwehren. Athen sollte nach den jeweiligen Verhältnissen zu handeln sich vorbehalten. Eine so mattherzige Politik, welche keine bedeutenden Ziele im Auge hatte, konnte deshalb auch nicht die Bürger zu männlichen und kühnen Entschlüssen bestimmen.
Als Sparta durch den Frieden des Antalcidas die Mittel gewonnen hatte, seine Politik in Hellas zu einem raschen Ziele zu führen, ging es auch ohne Säumen daran, von diesen den umfassendsten Gebrauch zu machen. Sparta wollte in Griechenland keine Bundesgenossen, sondern nur Unterthanen haben. Es hatte somit die Politik, welche es durch den tapferen Widerstand Tegeas gezwungen aufgegeben hatte, wieder aufgenommen.
Seit dem Ende des peleponnesischen Krieges war Sparta ganz anders geworden. Der lykurgische Staat bestand nur noch in leeren Formen, Unwahrheit und Heuchelei ging durch das ganze Staatsleben. Ungeheure Summen Geldes waren nach Sparta geflossen und gingen noch jährlich durch Tribute ein, mehr als Athen je in seinen besten Zeiten eingenommen hatte. Die Gleichheit der Spartiaten war in eine Oligarchie ausgeartet, deren Zwecken die Ephoren
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