Aufsatz 
Beurteilung der Politik, welche die Athener während des thebanisch-spartanischen Krieges befolgt haben / von Arthur Seibt
Entstehung
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Beurteilung der Politik,

welche die Athener während des thebanisch-spartanischen Krieges befolgt haben.

Seit dem Archontat des Euclides hatte Athen ruhig und in Frieden gelebt; es hatte zu viel mit seinen inneren Verhältnissen zu thun und war zu geschwächt, als dass es hätte in den Händeln der Welt ein entscheidendes Wort mitsprechen können. Trotzdem aber hatten die Athener, welche jetzt von der boeotischen Partei geleitet wurden, den Mut, wenigstens eine Demonstration gegen Sparta ins Werk zu setzen, als Agesilaus im Jahre 399 seinen Feldzug gegen die Perser begann. Die Mittelstaaten, welche in dem empörenden Verfahren Spartas gegen Elis sich selbst bedroht sahen, verweigerten die Heeresfolge. Diese Gährung erhielt Nahrung durch die geschickten Operationen des Conon in Asien, das Übrige thaten die goldenen Bogenschützen, welche Thitraustes durch Timocrates den Mittelstaaten Argos, Corinth und Theben zuführen liess. Jetzt hielt jedoch Athen inne; es nahm keine Gelder an als Unterstützung zur Kriegsführung und schickte, als Theben den Krieg zum Ausbruch gebracht und die Athener um Hilfe gebeten hatte, Gesandte nach Sparta mit dem Ersuchen, die Grenzstreitigkeiten zwischen Locris und Phocis gütlich beizulegen. Dies Verfahren war ganz zeitgemäss, denn das verarmte Athen konnte ohne Hafen- und lange Mauern keine offene Feindseligkeiten gegen Sparta beginnen; als aber Rüstungen die Antwort Spartas waren, so war Athen gezwungen, das Kusserste zur Vernichtung der spartanischen Übermacht zu wagen; denn von dem Rachedurst Lysanders, dessen politische Schöpfungen in Athen so bald wieder vernichtet waren und der jetzt die Seele der spartanischen Unternehmungen war, musste das Schlimmste befürchtet werden. Die weise Mässigung der boeotischen Partei bei der Wiederherstellung der früheren Verhältnisse trug jetzt auch ihre Früchte, denn die oligarchische Partei stimmte rückhaltslos dem Kriege mit Sparta zu. So im Innern geeinigt hatten die Athener kein geringeres Ziel sich gesteckt, als die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen, und hierzu hatten die Thebaner den herzlichsten Beistand als Verbündete angeboten. Es bezeichnete diese Annäherung Thebens an Athen eine vollständige Wendung in der griechischen Geschichte.

Die Schlacht von Cnidus kehrte alle Verhältnisse um: Sparta hatte seine Herrschaft zur See verloren, Agesilaus musste seine hochfahrenden Pläne aufgeben, von allen Inseln und Küstenstädten wurden die spartanischen Harmosten vertrieben, ja die Spartaner waren ihres eigenen Landes nicht mehr Herr; doch das Schlimmste für die Spartaner waren die Mauern