76
Wir danken dir! Sieh, wie die Blüten drängen, Zu schmücken dich mit ihrem weißen Flor. Und uns're jugendlichen Stimmen mengen Sich in des Jubels allgemeinem Chor.
Es soll der Ruf durch alle Gaue beben: Solange Deutschland lebt, wird Schiller leben!
Nun trat der Abiturient Kurt Ritter v. Villefort vor und sprach die Festrede auf Schiller. Sie lautete:
„Wenn sich heute die Deutschen festlich vereinen, um das Gedächtnis des Tages zu feiern, an dem es hundert Jahre sind, daß Friedrich Schiller dahingegangen, so werden sie nur einer heiligen Pflicht gerecht. Denn was immer ein Dichter für sein Volk bedeuten kann, das bedeutet Schiller für uns Deutsche. Und wie vielseitig ist die Aufgabe des Dichters! Ihm fällt das erhabene Amt eines Volkserziehers zu, er läutert die Ansichten und den Geschmack der großen Menge und führt sie durch Betonung der geistigen Interessen einem höheren Ziele entgegen. In ihm verkörpert sich anderseits gleichsam die geistige Höhe des Volkes; denn er ist es vor allem, der den Maßstab zur Beurteilung desselben liefert, und so wird er im wahrsten Sinne des Wortes zum Träger, zum Repräsentanten der Kultur. Wie könnten wir da wohl würdiger das Gedächtnis unseres großen Dichters feiern als gerade dadurch, daß wir seine Bedeutung für unser Volk, soweit es uns möglich ist, festzulegen suchen und uns vergegenwärtigen, was wir ihm zu danken haben. Und da müssen wir uns zuerst darüber klar werden, daß Schillers Schaffen in eine Zeit fällt, in der die deutsche Freiheit durch Napoleons Übergriffe der Vernichtung entgegenging. Wie alle, denen Deutschlands Heil am Herzen lag, suchte auch Schiller den nationalen Geist zu heben und so die Wiedergewinnung der politischen Freiheit vor- zubereiten. In zahlreichen, tiefgefühlten und von warmer Begeisterung ge- tragenen Gedichten tritt er uns als Sänger der Freiheit und Vaterlandsliebe entgegen und in seinem„Wilhelm Tell“ und in der„Jungfrau von Orleans“ hat er die Deutschen durch ein lebendiges Beispiel für den Kampf um Freiheit und Vaterland begeistert.
„Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen“ ruft er den Deutschen zu. Und in der Tat! Sie haben diese Worte beherzigt, einig sind sie zusammengestanden im Kampfe für ihr Heiligstes, für ihr Vaterland. Napoleons Siegeslauf mußte scheitern an ihrer todesmutigen Begeisterung, an ihrer glühenden Vaterlandsliebe, die entfacht zu haben mit ein Verdienst Schillers ist, der so zum ersten wird in der Reihe unserer unsterblichen Freiheitsdichter. Auch auf sozialem Gebiete finden wir ihn als Vorkämpfer der Freiheit und Menschenwürde, er verficht die Rechte des Herzens gegenüber den haltlosen Schranken des Standesunterschiedes, die er in seinem von realistischer Wahrheit durchzogenen Trauerspiele„Kabale und Liebe“ rückhaltlos geißelt.
Nicht genug mit der Erfüllung der hohen Aufgabe eines Volkserziehers hat Schiller auf dem Gebiete der Kunst Unübertreffliches geleistet und sich so um die geistige Erhebung unseres Volkes unsterbliche Verdienste er- worben. Hier sind es wieder zwei Momente, die sich in Schiller aufs glück- lichste vereinen und durch ihre Gegenseitigkeit die künstlerische Höhe und Vollendung seiner Werke bedingen: Sein Dichtergenie erstens und zweitens seine wissenschaftliche Tätigkeit als Historiker und Philosoph. Abgesehen


