Aufsatz 
Lehrplan und Methode für den Zeichenunterricht : Erste und zweite Stufe / dargest. von Friedr. Schürmann
Entstehung
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In neuester Zeit hat sich, zumal für die untersten Stufen des Zeichenunterrichts, der sogenannte Massenunterricht gegenüber dem Einzelunterrichte als die zweckmässigste Me- thode erwiesen und sich gewiss nicht ohne Grund einer besonderen Kultivierung zu erfreuen.

§. 4. Vorteile des Massenunterrichts.

Die Klage von manchem Lehrer, welche sich bei der von der Regierung verfügten obligatorischen Einführung des Zeichenunterrichts in allen niederen und höheren Schulen dar- über erhob, dass er selbst von der Erteilung des Zeichenunterrichts bei seiner völligen Unbekanntschaft und Leistungsunfähigkeit in diesem Fache auch nicht das Geringste ver- stehe, muss dem Massenunterrichte gegenüber, besonders wenn er von Seiten des Lehrers mit dem nötigen Eifer ergriffen wird, fast völlig verstummen. Der Lehrer fange nur an vorzuzeichnen, beginne wie der Schüler mit den einfachsten Linien etc., so lässt sich er- warten und er selbst wird es auch finden, dass er im Stande ist mit den Schülern von Aufgabe zu Aufgabe, von Stufe zu Stufe fortzuschreiten. Der Spott jenes Professors einer Kunstakademie, der behauptete, dass der Massenunterricht von einem Dienstmanne eben so gut wie von einem Lehrer geleitet werden könne, ist gewiss nicht ohne Grund.

Sehen wir nun auf die Vorteile des Massenunterrichts, so ist es zunächst der oben angedeutete Umstand, dass jeder Lehrer zur Erteilung desselben befähigt ist; ein Umstand, der diese Methode zur Einführung ganz besonders empfiehlt.

Verfolgen wir nun die weiteren Vorteile des Massenunterrichts, so werden wir fin- den, wie nur er ein gleichmässiges Fortschreiten und sicheres Urteil über die Leistung eines jeden Schülers ermöglicht und leicht den Fleiss und die Trägheit erkennen lässt. Die Censur für jede Arbeit und die daraus sich ergebende Jahrescensur beruhen auf sicherer Basis; es entsteht unter den Schülern ein Wetteifer um die beste Censur und den ersten Platz und keiner will gegen den anderen zurückbleiben. Die Vorzeichnungen des Lehrers oder die gedruckten, grossen Wandtafeln lassen eine eingehende Erklärung zu und Alles zusammen führt zu einer guten Disciplin.

Dass der Massenunterricht ohne jeglichen Diletantismus sein muss, versteht sich von selbst; er muss von Stufe zu Stufe, vom Leichteren zum Schwereren fortschreiten und dar- nach die Methode geregelt sein.

Der Unterricht soll elementar sein, d. h. er muss die Grundlage zu einer weiterén Entwickelung im Zeichnen bilden Die Aufgaben selbst dürfen eher etwas zu leicht als zu schwer sein. Derjenige Lehrer strebt nach zweifelhaften Resultaten, der darin einen Fort- schritt sucht, dass er dem Schüler Aufgaben gibt, welche dem Leistungs- und Darstellungs- vermögen desselben zu hoch gegriffen sind; er wird dadurch bei den Schülern meistens nur die Lust verderben und doch nichts Rechtes fertig bringen.

Der Unterricht muss mit dem Zeichnen von geraden und krummen Linien und deren Verbindungen beginnen, und sind es besonders die aus der Mathematik entlehnten Linien und Figuren, welche sich aus den einfachsten Grundformen zu den reichsten Vorbildern und mannigfaltigsten Uebungen entwickeln lassen. Die Fläche und deren Verzierung liegt dem Begriffsvermögen näher als das Plastische, dessen Studium erst später beginnen darf und muss sich daher der Unterricht auf dieser Stufe fast nur auf die Benutzung von Linear- und Flachornamenten beschränken.

Es muss die vollständige Sicherheit erstrebt werden, gerade und krumme Linien in jeder Lage und Grösse, sowohl einzelne für sich als auch beide vereinigt, darzustellen. Von nichts sagenden und nichts vorstellenden Uebungen, als Eilinien etc., müssen die Schüler bewahrt werden, da diese nur ermüdend wirken.

Beim Zeichnen nach körperlichen Gebilden, welches erst auf einer höheren Stufe be- ginnen darf, muss mit den regelmässigsten und einfachsten begonnen werden. Es müssen