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Lage und Richtung verschiedener Dinge zu einander ohne den Gebrauch von Instrumenten genau oder wenigstens möglichst genau anzugeben, eine grosse Rolle und muss auch dieses bis zu einem gewissen Grade ausgebildet werden.
Das Streben nach dem Erwecken des Sinnes für Ordnneg, Schönheit und Reinlichlkeit muss jede Uebung begleiten, und wenn nicht in dem Schüler das Gefühl erweckt wird, nach welchem er sich für alles Schöne begeistert oder gegen jedes Hässliche Abscheu em- pfindet, so wird in dem Zeichenunterricht ein schlimmer Fehler begangen.
Dass der Zeichenunterricht, besonders in der Hand eines Pädagogen, auch ein Kräf- kiges Ereiehungsmittel, ebenso wie jeder andere Unterrichtszweig, sein kann, lässt sich nach diesem nicht verkennen und wird sich noch weiter bei der Betrachtung der Methode dieses Unterrichts offenbaren.
Zum Schluss erübrigt noch zu bemerken, dass der Zeichenunterricht nicht fakultatis, sondern obligatorisch betrieben werden muss und dass eine Dispensation awegen Talentlosig- keit niemals erlaubt werden darf; die talentlosen Schüler müssen vielmehr vom Lehrer ganz besonders unterstützt werden, und auch bei ihnen wird es gelingen, Erfolge zu erzielen.
§. 3. Methode des Zeichenunterrichts.
Es ist auffallend und doch Thatsache, dass kaum zwei Schulen zu finden sind, welche in Gang und Methode des Zeichenunterrichts übereinstimmen. Diese Verschiedenheit ist aber jeientalls noch nicht so schlimm, als wenn dieser Unterricht ganz ohne Plan und Ziel erteilt wird. Vielfach wird nur dasjenige kultivirt, was den Neigungen der Jugend und der zufälligen Bildung des Lehrers am besten zusagt. Sehr häufig beschränkt sich der Zeichenunterricht nur auf die Nachbildung von Vorlagen, die nicht allein meistens sehr un- zweckmässig an sich sind, sondern wobei auch mitunter noch die Unsitte herrscht, dass jeder Schüler sich seine Vorlage selbst aussuchen darf.
Diese Blätter und Blättchen nun werden in gleicher Grösse, gut oder schlecht, ist häufig einerlei, nachgebildet und die ganze Thätigkeit des Schülers ist weiter nichts als ein zum unbewussten Thun gewordenes, gedankenloses Nachahmen. Dabei werden noch von den Schülern alle möglichen Kniffe Rüsgeronnene um die Arbeit zu erleichtern; es wird durchgezeichnet, durchgepaust und durchgestochen, schabloniert und patroniert, die Linien und Bogen werden verstohlener Weise mit Lineal und Zirkel gezeichnet etc.; kurz, der Zeichenunterricht wird zu einem wahren Tummelplatze von allen möglichen Betrügereien.
Welche Frucht man von einem solchen Unterrichte und besonders erst dann erwarten kann, wenn der Lehrer selbst nicht im Stande ist, eine freie Handzeichnung von einer Durchzeichnung zu unterscheiden, vielmehr die beste Durchzeichnung mit der besten Censur, wo möglich mit einem Lob im Klassenbuche belegt, kann man sich leicht vorstellen. Eine solche Tlethode des Zeichenunterrichts, die aller Wissenschaft baar, wenig systematisch und
anz ohne Schritteinteilung, also unglaublich verschawommen ist, entschuldigt sich stets mit alentlosigkeit und Mangel an Geduld bei den Schülern, während diese selbst es ist, welche den Schüler in träumerische Schlaffheit versinken lässt, anstatt ihn zur verständigen und selbstbewussten Arbeit zu erheben. Der Lehrer resigniert dabei in stiller Verzweiflung, sucht seine Ehre durch fleissiges Nachhelfen und Selbstmachen zu retten, was ihn nicht selten zu einem Dünkel über seine Methode führt.
Solcher Unterricht ist jedenfalls mehr schädlich als nützlich, und gewiss ging der- jenige von richtigen Principien aus, der einen solchen, auf diese Art völlig in Misskredit geratenen Zeichenunterricht aus der Schule verbannt wünschte.
Der ministerielle Lehrplan für den Zeichenunterricht vom 2. October 1863 hat jedem Lehrer die Freiheit in der Methode belassen und hat nichts gegen eine Methode zu erinnern, sobald der Lehrer von ihr glaubt, durch sie die besten Resultate erzielen zu können.
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