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scheidung gedrängt, so würde ich sagen: Gerechtigkeit, die ohne jedes Ansehen der Person entscheidet. Im Grunde aber halte ich solchen Streit für ein Spiel mit Worten; denn tiefer gefaſst fallen beide Begriffe zusammen. Echte Liebe zur Jugend ist nicht denkbar ohne Gerechtigkeit gegen sie; und anderseits ist die Gerechtigkeit, die in der Schule herrschen soll, nicht die kalte juristische Gerechtigkeit, die gebunden ist an den Wortlaut der Gesetze und dem Herzen nur geringe Betätigungsfläche lälst, sondern es ist die erzieherische Gerechtigkeit, deren Spielraum unendlich mannigfaltiger und reicher ist, die nicht bloſs strafen und vergelten, sondern retten, bewahren, fördern und veredeln soll. Sie kann nicht gedeihen ohne ein warmes Herz für die Jugend, ohne ein liebevolles Verständnis für ihr Wesen, ohne einsichtige Berück- sichtigung der Eigenart eines jeden und der ihn bestimmenden Einfluſsmächte seiner Umgebung. Will aber der Lehrer sich dieses helläugige, eindringende und treffsichere Verständnis für die Art seiner Schüler erwerben, so mufs er danach streben, ihnen persönlich nahe zu kommen, im ungezwungenen Verkehr auch auſserhalb der Anstaltsräume alle Seiten ihres Wesens und Könnens kennen zu lernen, sie vor allem auf dem Turnierplatze ihrer körperlichen Fertigkeiten, in der Turnhalle und auf dem Spielplatze zu beobachten und mit ihnen gemeinsam durch Gottes schöne Natur zu wandern. Und in dieser Hinsicht brauche ich, wie mir scheint, meine Schleusinger Grundsätze nicht umzustoſsen, sondern sie nur anzupassen den neuen und gemäls ihrem grofsstädtischen Zuschnitte zweifellos unbequemeren und schwierigeren Verhältnissen. Aber wie bevorzugt ist doch auch hierin Wiesbaden! Über die Häuserzeilen blicken ja die bewaldeten Berglinien auf das bunte Menschentreiben herab und laden zu fröhlichem Besuche ein, und in weiterer, aber durch die Verkehrsmittel leicht erreichbarer Umgegend locken herrliche Ziele in endloser Fülle.
Die Erhöhung des Lehramts zum Erzieheramt beansprucht grölste Hingabe des Lehrers an seinen Beruf; eine restlose Lösung dieser Aufgabe so vielen Köpfen und so rasch wechselnden Schülergenerationen gegenüber, bei der drängenden Masse sonstiger Pflichten im Berufe, in der Familie, im Leben bleibt natürlich nur ein Ideal, unerreichbar wie alle Ideale des Diesseits; aber es muls nun einmal uns Menschen schon genügen, überhaupt Ideale zu haben und nach ihnen nach Vermögen mit redlichem Willen zu streben.
Was aber sichert dem Lehrer am meisten die Spannkraft seines Wollens in der Erfüllung seiner Aufgaben, die Freudigkeit in seinem so schweren und so oft verkannten Berufe? Das ist die Art seiner Schüler, das ist das Maſs ihrer Empfänglichkeit für den vom Lehrer gestreuten Samen. Vertrauen, Offenheit, Wahrheitsliebe, Gehorsam, Willigkeit, das sind die Eigenschaften, die der Schüler der Schule und ihren Vertretern entgegenbringen soll, in der Zuversicht, daſs überall sein Bestes gewollt wird. Und selbst, wenn der eine oder andere der Lehrstoffe nicht recht munden sollte,— ich meine peispielsweise lateinische Grammatik oder die mathematische Aufgabe, diese beiden stärksten Mächte für die Schärfung und Klärung des Geistes— so soll gerade da der Schüler willenskräftig und beherzt zufassen, da er versichert sein kann, daſs gerade diese Selbstüberwindung und diese Uberwindung der sachlichen Schwierigkeit ihn am besten für das Leben schulen wird. Das Leben ist nun einmal nicht so gefällig, stets nur der Neigung freundlich entgegenzukommen; sondern wer etwas Treffliches leisten will, der muls gelernt haben seine höchste Kraft unerschlafft zu sammeln, der muſs seines Willens auch gegen sich selbst, gegen die eigene Schwüche und Begierde sicher sein.
Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht, Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.


