Aufsatz 
Antrittsrede und Schulnachrichten / vom Direktor Dr. Schmidt
Entstehung
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meine tiefe UÜberzeugung; und daſs das Gymnasium auch in seiner heutigen Form noch durch- aus befähigt ist, die ihm eigene und kaum ersetzbare Kraft auszuüben und dem YVaterlande eine vollwertige Jugend zu erziehen, das ist meine freudige Zuversicht.

Was fordert denn die nationale Gegenwart von einem Jüngling? Er muls mit klarem Verstande gerüstet sein, der ihm selbständiges und treffendes Urteil über die Dinge gewähr- leistet. Er muls geschichtliche Bildung besitzen, um aus der Vergangenheit die Gegenwart tiefer zu verstehen, um durch die Kenntnis von der tatsächlichen Art und Entwicklung der Menschheit sich vor wurzellosen und deshalb so irreführenden und gefährlichen Theorien zu hüten, wie sie heute ja im Schwange sind, und um schlieſslich gemäſs dem Spruche, daſs es nichts Neues unter der Sonne gibt, auch in gewissem Grade die Zukunft vorauszusehen. Er muls anderseits auch genug Gegenwartsbildung sein eigen nennen, um sich rasch und sicher unter den Menschen seiner Zeit zurechtzufinden und nicht verlegen und unbehülflich zur Seite zu stehen; er muls ferner durch die nötige sittliche und künstlerische Läuterung hindurchgegangen sein, um nicht bloſs Träger, sondern auch Fortbildner der edlen Humanität zu sein, die auf christlicher. Grundlage die Menschheit sich bis heute errungen hat. Und nicht zuletzt mufs er körperlich geübt und kräftig sein. Denn einmal enthält der alte Satz: mens sano in corpore sano eine ewige Wahrheit; und dann fordert das Vaterland gerade von seinen Gebildeten rüstige, auch der leiblichen Strapaze gewachsene Söhne, die im Augenblicke der Gefahr ihren Mann stehen, und zwar dies jetzt um so dringender, je mehr die Wehrhaftigkeit weiter Schichten des Volkes durch die an den Innenraum der Fabrik gefesselte Lebensweise ernstlich beeinträchtigt wird.

All dies kann auch der heutige gymnasiale Lehrplan leisten; er muſs nur in richtigem Geiste erfalst werden, und diesen richtigen, für die Aufgaben der Gegenwart verständnisvollen Geist atmen durchweg die neuen Lehrpläne von 1901.

Ist auch die Beschäftigung mit der Antike dem Zeitumfange nach eingeschränkt, so pleibt für den zielbewulſsten Lehrer immerhin Raum genug, all den Segen daraus zu schürfen, der so reich in ihr geborgen ruht. Noch immer kann die Klarheit, Treffsicherbeit und Fülle der griechischen und lateinischen Sprachverhältnisse als Wetzstein benutzt werden, an dem das Messer des eigenen Urteils scharf und blank gemacht wird; noch immer kann die ethische und ästhetische Bildung aus der antiken Literatur köstliche Nahrung ziehen; noch immer können die Kulturverhältnisse der geistesgroſsen Griechen und willensgewaltigen Römer in Gegensatz und Khnlichkeit gerade für das Verständnis unserer Zeit die herrlichsten Handhaben bieten. Ja diese unmittelbare Verwertung der Antike für die moderne Bildung kann in höherem Malse als früher geschehen, da in der Erfassung gerade dieses Gesichtspunktes der Unterricht unstreitig grolse Fortschritte gemacht hat, und da eine bewulstere Methode den Verlust an Stundenzahl durch straffere Sammlung des Inhaltes wettzumachen versucht.

Wie hier in der Verwertung der Antike, so ist auch im Betriebe der übrigen Schul- fächer der Zielpunkt einer wahrhaft fruchttragenden modernen Bildung immer klarer ins Auge gefalst und richtungsgemäſser verfolgt worden.

Der Geschichtsunterricht endet jetzt mit einer eingehenden Betrachtung und Würdigung des 19. Jahrhunderts; die neueren Sprachen werden als lebendige Gröſsen behandelt, was sie ja auch sind; und die Naturwissenschaften werden in ihren Haupterscheinungen und Gesetzen so anschaulich und lehrreich vorgeführt, daſs auch darin das Gymnasium den Zusammenhang mit den geistigen Mächten unserer Zeit sichert. Und wenn der Religionsunterricht, wie bisher, das innige Verständnis für die tiefsten Fragen der Menschheit anbahnt und damit auch echte Sittlichkeit