Aufsatz 
Antrittsrede und Schulnachrichten / vom Direktor Dr. Schmidt
Entstehung
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alljährlich hunderttausende von allen Enden zusammenströmen, um hier Heilung zu suchen oder den wundervollen Zusammenklang von Natur und Kultur auf diesem köstlichen Fleckchen Erde bewundernd zu genielsen.

Welcher Gegensatz zu meinem letzten Wirkungskreise! Werde ich mich auch hier in meinem Berufe zurechtfinden? Werde ich die angemessenen Mittel ergreifen, um allen Ansprüchen gerecht zu werden, die meiner hier harren?

Zu diesem persönlichen Bedenken aber noch ein anderes allgemeines, das aus der jetzigen Zeitströmung erwächst. Uberschauen wir die Zustände in unserem höheren Schul- wesen, welche Wandlung gegen früher! Das Gymnasium, die Lehranstalt, die Generationen lang dem Vaterlande ihre leistungstüchtige Jugend gebildet und erzogen hat, hat seine bevor- rechtete Stellung aufgeben müssen. Neue Entwicklungen in Kultur, Wissenschaft und Politik haben neue geistige Bedürfnisse und Bildungsideale gezeitigt, und Reform ist der Ruf, der auf keinem Gebiete unseres öffentlichen Lebens lauter ertönt, als auf dem der höheren Schule. Drei eingreifend neue Lehrpläne sind uns innerhalb von 20 Jahren beschert worden, und noch immer tönt der gleiche Ruf: Reform! Aber fragt man die Rufer, was sie wollen, wie- viel verschiedene Antworten erhält man da! Dem einen ist noch lange nicht genug, dem anderen schon viel zu viel geschehen. Was dem einen als Heil erscheint, verwirft der andere als unheilvoll; neben ehrlicher und gegründeter Uberzeugung wieviel Unklarheit, Einseitigkeit und Oberflächlichkeit redet mit; und bei diesem Durcheinander der Stimmen, bei diesem Chaos von Meinungen könnte man als Schulmann, zumal als Lehrer am Gymnasium, kleinmütig werden bei der Ausübung seines schönen Berufs in dem Zweifel, ob die Schulform, die man vertritt, die richtige und segensvolle ist.

Und doch bedarf gerade heute unser Vaterland einer in zielsicherster Bildung und Erziehung gefestigten und vollgerüsteten Jugend. Denn mag auch unser Volk seit einem Menschenalter an politischer und wirtschaftlicher Stärke so gewaltige Fortschritte gemacht haben wie vielleicht keine zweite Nation der Welt, wieviel gröfser sind doch damit zugleich die Gefahren und Anfechtungen geworden! Nach aulsen hin alte neidische Rivalen und neue zukunftreiche Nebenbuhler auf dem Gebiete politischer und wirtschaftlicher Entwicklung; im Innern aber von unten her gärende Mächte, die in verhängnisvoller Verblendung an der Zer- störung des Baues arbeiten, der ihnen selbst Obdach und Schutz sichert, und ferner bis in die höchsten Schichten hinauf leider auch tiefgehende konfessionelle Zerklüftung mit ihren lähmenden und zerrüttenden Wirkungen. So ist es natürlich, dafs ich heute in dieser feier- lichen Stunde, die mich an die Spitze einer grolsen Jugendbildungsanstalt mit rühmlicher Vergangenheit ruft, von ernsten Gedanken bewegt werde.

Und doch sieht man die Dinge nur mit hellem und ruhigem Blicke an, wo läge da ein stichhaltiger Grund zu Kleinmut und Verzagen?! Dals die Bildungs- und Erziehungsfragen jetzt in lebhaften Fluſs geraten sind, daſs sich weite Kreise des Volkes an ihrer Erörterung mit eifrigem, zum Teil leidenschaftlichem Interesse beteiligen, ist doch nur ein Gewinn, da sich aus dem Widerstreite der Meinungen schlieſslich am sichersten das Wahre und Gute herausschält. Dals nunmehr drei verschiedenartige höhere Lehranstalten mit gleicher Be- rechtigung die mannigfaltigen Bildungsansprüche des modernen, so reich gestalteten Kultur- lebens befriedigen können, halte auch ich für einen groſsen Fortschritt. Dalfs aber unter ihnen des Gymnasiums altbewährter Bildungsgang nicht fehlen darf, wenn nicht der geistigen Höhe unserer Nation eine schwere, vielleicht unheilbare Wunde geschlagen werden soll, ist