Aufsatz 
Antrittsrede und Schulnachrichten / vom Direktor Dr. Schmidt
Entstehung
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daſs sie wie bisher weiter blühe und gedeihe. So höre ich in Ihren Worten nicht bloſs die Stimme der reichen Erfahrung, sondern auch die der treumeinenden Liebe, und als nunmehriger Hüter des mir von Ihnen und Ihrem Herrn Nachfolger überkommenen Erbes, fühle ich mich Ihnen nicht bloſs als dem Vertreter der vorgesetzten Behörde, sondern auch als meinem Vor- gänger verantwortlich für die Verwaltung des mir anvertrauten Amtes in Ihrem Geiste. Mein zweiter freudiger Dank gilt Ihnen, hochverehrte Herren Kollegen, zumal Ihrem Senior Herrn Professor Dr. Spiefs, durch den Sie mir ein herzliches Willkommen geboten und das Gelöbnis abgelegt haben, wie meinen verehrten Vorgängern so auch mir treu zur Seite zu stehen und wie bisher so auch fürderhin der Wohlfahrt dieser Ihnen so teuren Anstalt Ihre bewährten Kräfte pflichteifrig und hingebend zu widmen.

Noch als Fremdling stehe ich unter Ihnen mit dem Bangen, das der Mensch natur- gemäls einer neuen groſsen Aufgabe gegenüber empfindet, und solcher wohlwollenden Wegweisung, solcher zuverlässigen Mitarbeit dürfte gerade ich und gerade in heutiger Zeit in besonderem Grade bedürftig sein.

Sind doch die Lebensformen, in denen ich zuletzt seit S ½ Jahren gewirkt habe, von den neuen, die mich hier umgeben werden, grundverschieden. Ich komme aus Schleusingen. Wieviel von den Anwesenden haben, Hand aufs Herz, vorher etwas von diesem geographischen Begriffe gehört, oder wülsten wenigstens Genaueres davon zu sagen? Ist es doch nur ein kleines Stüdtchen auf dem Thüringerwalde in einem Seitentale der Werra gelegen, das sich hinter dem anmutigen Orte mannigfach verzweigt und durch hohe Gebirgswände und tiefe Wälder gegen die Auſsenwelt verriegelt ist. Noch vor wenig Jahren mulste, wer nach dort strebte, entweder per pedes apostolorum über die Berge wandern, oder sich dem gemächlichen Trott der gelben Postkutsche anvertrauen; dann wurde von dem 12 km entfernten Themar eine Klingelbahn hinaufgebaut, mit deren Schnelligkeit meine bisherigen Schüler im Stafetten- laufe oft siegreich gewetteifert haben; seit einem Jahre aber klettert eine Zahnradbahn auch nach der anderen Seite über den Rennsteig und öffnet so auch nach Norden hin einen Zugang. Aber noch immer zählt die Einwohnerschaft wenig über 4000, und wenn auch die Sommermonate belebt werden durch Sommerfremde und Sommerfreunde, so ist doch ein wirklicher Ausländer, ein Engländer oder ein Franzose, eine seltene Erscheinung. In dem Städtchen selbst freilich modern gehobene Einrichtungen, ein geistig und musikalisch angeregtes und gemütswarmes Treiben, ein von würziger Berg- und Waldluft umwehtes gesundes Dasein, und ein kerniges, durch seine innere Geschlossenheit bemerkenswertes Schülerleben. Geregelte Tagesordnung, tüchtige Arbeit, schlichte Lebensführung, körperliche Stählung einerseits, familiärer, freundschaftlicher Verkehr zwischen Lehrern und Schülern, kameradschaftlicher Zusammenhalt untereinander, kraftvoller Genuſs aller Reize der Natur, im Sommer in frohen Fuſswanderungen oder auf dem Fahrrade, im Winter auf dem Schneeschuh kennzeichnen es, und herrliche Treue der früheren Schüler gegen die Anstalt und das Städtchen erweitern und bereichern seinen Kreis auch nach aufsen hin.

Und nun aus diesem schlichten, bei aller Sinnigkeit und Frische etwas herben Rahmen des Bergstädtchens bin ich nun hierher versetzt in das glänzende und groſse Wiesbaden, in dieses Nizza Deutschlands mit seinem milden Klima und seiner weichen Luft, in dieses gott- begnadete Weltbad, aus dessen Boden die warmen Quellen segensvoll sprudeln, in diese alt- berühmte Kulturstätte, auf der schon die Römer siedelten und badeten, und in die heutzutage