Aufsatz 
Antrittsrede und Schulnachrichten / vom Direktor Dr. Schmidt
Entstehung
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Antrittsrede 85 5

des

Gymnasialdirektors Dr. Schmicdt.

Vorbemerkung:

Der vorige Jahresbericht der Anstalt konnte aus äulseren Gründen nicht durch Zugabe einer Abhandlung bereichert werden. Da diese Hindernisse jetzt nicht mehr bestehen, so gebe ich dem diesjährigen Programm die Rede bei, die ich am 13. Oktober 1905 bei der Übernahme meines Amtes als Direktor des hiesigen Gymnasiums gehalten habe. Mich veranlalst dazu die UÜberzeugung, dals es für die Angehörigen der Schüler wichtig ist zu wissen, nach welchen Anschauungen und Grundsätzen die Anstalt geleitet wird, in der ihre Söhne ihre Jugendbildung empfangen.

Die Einführungsfeier wurde eingerahmt durch Gesänge des Gymnasialchors. Das Wort ergriff zuerst der Direktor des Kgl. Provinzial-schulkollegiums in Cassel, Herr Ober-Regierungsrat Dr. Paehler. Er widmete zunächst Worte des Dankes dem geschiedenen Direktor Herrn Geheimen Regierungsrate Dr. Fischer für seine treuen und bewährten Dienste; dann schilderte er auf Grund seiner eigenen 20 jährigen Leitung des Wiesbadener Gymnasiums die Eigenart der Anstalt, kennzeichnete das Wesen der Schüler und betonte sowohl die Vorzüge wie die Schwierigkeiten, an denen gerade hier das Amt eines Vorstehers einer höheren Lehranstalt so reich sei. Mit herzlicher Anerkennung der Pflichttreue des Lehrerkollegiums, mit kraftvollen Mahnungen an die Schüler und mit innigen Segenswünschen für den neuen Direktor schlofs er. Nach ihm rief im Namen des Lehrerkollegiums Herr Professor Dr. Spiefs dem bisherigen Direktor einen warmen Scheidegrufs nach und hiefs seinen Nachfolger mit herzlichen Worten willkommen. Darauf hielt dieser die folgende Ansprache:

Das erste Wort, das ich an dieser Stätte spreche, ist geziemender Weise ein inniger Dank. Inniger Dank, Ihnen, hochgeehrter Herr Oberregierungsrat, für die warmen weg- weisenden und richtunggebenden Gedanken, mit denen Sie die Güte hatten, mich in mein neues Amt einzuführen. Sind Ihre Ratschläge an sich schon von hoher Bedeutung, da sie auf reicher Erfahrung und auf durchdringendem Überblick über das ganze Gebiet des höheren Schulwesens heruhen, so werden sie in diesem Fall durch die schöne Gunst des persönlichen Geschickes doppelt wertvoll. Sie sind selbst, wie Sie ausführten, 20 Jahre hindurch Leiter dieser groſsen Anstalt gewesen. Sie kennen sie und ihre ganze Eigenart, sowie ein Vater sein Kind kennt, und wie ein Vater sein Kind liebt, so lieben Sie naturgemäls diese Schule, der Sie einen so groſsen Teil Ihres Lebens und Ihrer Manneskraft geweiht haben, und wie diese unter Ihrer fürsorglichen Obhut geblüht hat, so ist es Ihnen persönlichste Herzenssache,