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Unabweisbar drängt ſich dem Vernünftigen die Ueberzeugung auf, daß ſolchen Vorgängen ein falſcher, widerſinniger Begriff von Ehre zu Grund liegt. Denn daß es nicht die wahre Ehre iſt, die durch derartige Angriffe gekränkt wird, geht, wie früher dargelegt wurde, daraus hervor, daß, ſobald eine Rücknahme der Beleidigung erfolgt, oder ein Duell, die Ehre wieder hergeſtellt erſcheint. Es iſt, als wäre nichts vorgefallen.
Somit gelangen wir denn zu dem Heilmittel der beſchädigten Ehre, zum Duell. Auch dieſes war, gleich der Cavaliersehre, den Alten unbekannt. Bei den Griechen kam der Zweikampf überhaupt nicht vor; bei den Römern nur zwiſchen den dazu gezwungenen Sklaven, den Gladiatoren.
Als Marius von einem teutoniſchen Fürſten zum Zweikampf aufgefordert wurde, ließ er dieſem antworten: wenn er ſeines Lebens überdrüſſig wäre, möge er ſich aufhängen. Doch bot er ihm einen ausgedienten Gladiator an, falls er durchaus ſich ſchlagen wolle.
Wie verhielten ſich aber im Alterthum der Adel, die Patricier, die Ritter, die Staatsmänner, Gelehrten und Philoſophen, alſo die Stände, deren Ehre heutzutage ſo empfindlicher Natur ſein ſoll, wenn ihnen Etwas begegnete, worauf nach jetzigen Begriffen ein Duell zu erfolgen hat?
Wir leſen in der That, daß bei dem ſo durchaus öffentlichen Leben in Griechenland und Rom, bei Berathungen in den Senaten, auf der Rednerbühne, im Kriegsrath, bei philoſophiſchen Disputationen es keineswegs immer mit klaſſiſcher Ruhe und Feinheit abging. Nicht ſelten wurden dem Gegner derbe Schimpfworte an den Kopf geworfen und von dieſem erwidert. Allein hierbei blieb es. Es waren die Alten ſo vernünftig, derlei entweder mit Humor oder mit Verachtung auf⸗ zunehmen, aber keiner der Männer, die leuchtend als die Großen und Weiſen jener Zeit daſtehen, war thöricht genug, durch ein Schimpfwort, ja durch thätliche Angriffe ſich entehrt zu halten.
Als im Kriegsrath der Athener der Admiral Eurybiades mit dem General Themiſtokles in Streit gerieth und gegen ihn den Stock erhob, ſagte dieſer:„Schlage mich, aber höre mich!“
Sokrates erfuhr nicht ſelten anſtatt der Widerlegung, Beleidigungen; als er einſt einen Fußtritt ruhig hinnahm und man hierüber ſich wunderte, ſagte er:„Würde ich denn, wenn mich ein Eſel geſtoßen hätte, dieſen verklagen?“ Ein andermal, als man ihn fragte:„Schimpft und ſchmäht dich denn Jener nicht?“ antwortete er:„Nein, denn was der ſagt, paßt nicht auf mich.“
Wir wiſſen übrigens, daß im Alterthum, ebenſo wie jetzt, Geſetze vorhanden waren, die den Bürger vor wörtlicher und thätlicher Mißhandlung ſchützten. Wenn alſo nicht aus dem Alterthum, woher hat das Duell ſeinen Urſprung? Es ſtammt aus dem Mittelalter. Man leitet es von zwei Erſcheinungen dieſer Periode ab, von den Gottesurtheilen oder Ordalien und von dem Ritterthum, die beide, von der Zeit zu Grabe getragen, als Auswuchs das Duell uns hinter⸗ laſſen haben.
In einer Zeit, wo es theils an ausreichenden Geſetzen, theils an geeigneten Richtern fehlte, um Streitſachen zu ſchlichten und zum Austrag zu bringen, wo es oft an der Möglichkeit oder an der Fähigkeit fehlte, den Beweis zu führen, auf welcher Seite in einer Sache Recht oder Unrecht ſei— da kam man auf das Auskunftsmittel, beide Gegner im Kampfe für ihr Recht einander gegenüber zu ſtellen; wer ſiegte, hatte Recht. Es lag dem der an ſich wohl gut gemeinte, jedoch verwerfliche Gedanke zu Grund, daß Gottes Beiſtand dem, der Recht habe, auch die Kraft verleihen werde, dieſes im Kampfe ſiegreich zu behaupten.—
Hieraus konnte ſich denn wohl als Gebrauch und Gewohnheit entwickeln, daß die Parteien in Fällen, wo es umſtändlich, ſchwierig, ja unmöglich war, vor einem ordentlichen Gerichte Recht zu finden, es vorzogen, zum Degen zu greifen und dieſem die Entſcheidung anheimzugeben.


