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Es iſt jene koſtbare, unwiederbringliche Zeit, die durchaus erforderlich iſt, wenn heutzutage in irgend einem wiſſenſchaftlichen Gebiet das Nothwendigſte angeeignet werden ſoll, eine Zeit, die einmal verloren, beſten Falls nur mit nothdürftigem oder oberflächlichem Erfolg durch forcirte, dem Körper und Geiſt ſchädliche Arbeit wieder beigebracht werden kann, eine Zeit, die faſt immer dem Studirenden erkauft wird durch ſchwere Opfer der Seinigen, durch den Schweiß und die Entbehrungen einer ganzen Familie. Dieſe ſinn⸗ und nutzlos auf der Univerſität vergeudete, verſchleuderte und verſchlemmte Zeit, wie viele Klagen, wie viele Thränen hat ſie nicht ſchon hervorgerufen— wie viel zerrüttetes Familienglück, wie manch gebrochenes Leben!
Wir wollen endlich zugeben, daß Waffenübung und lebendiges Ehrgefühl in ernſten Fragen dem jungen Manne Muth und Selbſtvertrauen verleihen, die er auch ſpäter bewähren wird im Dienſte des Vaterlandes. Allein bei neun Zehnteln aller Duelle handelt es ſich bekanntlich weder um wahre Ehrenſachen, noch um Bethätigung großen Muthes. Werden ja doch die meiſten Duelle auf Commando contrahirt, ohne irgend eine vorausgegangene Beleidigung! Sagen uns ja die Vertheidiger der Duelle ſelbſt, daß ſie durch die gebräuchlichen Vorſichtsmaßregeln ſehr harmloſer Natur, daß ſie eher eine Spielerei ſind. Dann freilich wäre dieſe Duellſorte nicht die Bewährung echten Muthes, ſondern albernen Muthwillens.
Die eifrigſten Freunde und Pfleger des Duells haben ſich von jeher nicht unter den fleißigen, mäßigen und beſcheidenen Studenten gefunden. Daher wiſſen wir, daß thatſächlich Väter, grade weil ſie ihrerzeit derlei Kurzweil getrieben haben, wovon in ihren Geſichtern die Spur ſich verzeichnet findet, ihren Söhnen den Beſuch der Hochſchule nur mit der unbeugſamen Bedingung geſtattet haben: das Duell unter allen Umſtänden zu meiden.
Und dieſe Väter haben Recht!
Denn das Duell iſt unreligiös— da die Religion gebietet, Beleidigungen zu vergeben;
das Duell iſt ungeſetzlich, denn das Geſetz verbietet die Selbſthülfe, die Rache;
das Duell iſt unvernünftig, denn es legt mir den Zwang auf, wenn ich beleidigt bin, mit dem Beleidiger mich zu ſchlagen und zur Herſtellung meiner Ehre ein Verbrechen zu begehen, indem ich denſelben beſchädige oder tödte. Oder ich ſelbſt laufe Gefahr, zu der mir zugefügten Be⸗ leidigung noch eine Verletzung meines Körpers hinzunehmen, oder gar mein Leben einzubüßen!
Wenn wir nun aber im letzten Worte den Muth in Betracht nehmen, der unſerem deutſchen Volk erwachſen ſoll aus dieſem Duellweſen— dann führt uns dies auf die Kriegsjahre von 1870 und 1871. Wir gedenken derſelben nicht in Selbſtüberhebung, wohl aber im vollberechtigten Selbſt⸗ gefühl, im Hinblick auf jene Reihe von Siegestagen, in denen das deutſche Volk eingetreten iſt für Ehre und Unabhängigkeit, für Heimath und Herd. Das ganze Vaterland ſchickte ſeine Söhne, und alle bewährten mannhaften Muth, hingebende Todesverachtung, ſieggewiſſe Thatkraft.
Muth bewies der Landmann, der den Pflug, Muth der Arbeiter, der die Werkſtatt verließ; Muth zeigten der Kaufmann, der Künſtler, der Gelehrte; Muth jeder Stand, weß Namens er ſei; Muteh bethätigten die Prieſter und Frauen in Troſt und Pflege.
Gottlobp, der Muth wächſt allerwärts auf deutſchem Boden. So war es, ſo ſoll, ſo wird es ſein.
Das Vaterland rufe, und Alle, Alle kommen!
Am Sedanstage 1876.


