Aufsatz 
Ehre und Duell / Friedrich Schödler
Entstehung
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3s Männer ausarten, wenn nicht durch die akademiſchen Ehrengeſetze Maß und Regel gegeben wäre gegen Ausbrüche gemeinen Schimpfens und roher Balgerei?

Abgeſehen davon, daß heutzutage die Herren Studenten keineswegs mehr das alleinige Material ſind, aus dem die gute Geſellſchaft ſich ergänzt, daß Tauſende von gebildeten Männern aus anderen Kreiſen zuſammen verkehren und ſich vertragen, ohne das über jedem Wort hängende Schwert des Damokles, müßte erſt noch der Beweis erbracht werden, daß durch den Comment oder das Geſetzbuch akademiſchen Anſtandes durchgängig ein ſo ritterlicher Anſtand, ein ſo feiner Ton erzeugt werde, um von der geſammten Mitwelt als nachahmenswerth geprieſen zu werden.

Nur zu bekannt iſt aber, wie ein muſtergiltiges Exemplar eines akademiſchen Renommiſten in anderen Kreiſen eher Staunen und Schrecken, als Beifall und Wohlgefallen erregt. Bekannt iſt ferner, wie ſehr die Familie bemüht iſt, den heimgekehrten Muſenſohn alsbald wieder zurückzuführen zu den Umgangsformen friedlicher Menſchen. Dabei wollen wir noch über das in den Trinkſtuben herrſchende Treiben, das nach den drakoniſchen Geſetzen des Trink⸗Comments, wir mildern den Ausdruck, geregelt iſt, einen ſchonenden Schleier werfen. Wie ſehr aber in dieſem Verkehr die Unbefangen⸗ heit und Freiheit der Beſprechung, die Unabhängigkeit der Ueberzeugung durch das Veto eines hinein⸗ geworfenen Wortes beeinträchtigt werden kann, iſt im Vorgehenden hinlänglich nachgewieſen worden.

Es behaupten die Duellfreunde ferner: Die beſtändige Waffenübung übt und ſtählt die männliche Jugend; ſie iſt ein wohlthätiges Gegenmittel der gelehrten Verſeſſenheit, der philiſtröſen Verweichlichung. Der deutſche Student in ſeiner zwangloſen Weiſe iſt bei Sang und Klang, bei Hieb und Stich der Bewahrer und Pfleger biederer altgermaniſcher Sitte, er tritt damit dem franzöſiſchen Mode⸗ und Galanterieweſen entgegen, das in unſer deutſches Leben eindringt. Wenn der Student gewohnt iſt, jederzeit für ſein Wort und ſeine Ehre mit Leib und Leben einzuſtehen, ſo weckt und feſtigt das bei ihm Charakter und Muth. Die Univerſität erzieht daher eine kampfbereite Jugend, die dereinſt für die Ehre und Sicherheit des Vaterlandes mit heroiſcher Todesverachtung ſich hingiebt.

Wir geben zu, daß wir in dem Geſagten mehrfach Anklängen an berechtigte Momente des ſtudentiſchen Lebens begegnen, allein ſie gehören im Weſentlichen einer überwundenen Zeit an.

Seitdem das Turnen einen allgemein anerkannten und gepflegten Theil unſerer Erziehung ausmacht, iſt auch dem Studenten ein unübertreffliches Feld tüchtiger und dabei friedlicher Körperübung eröffnet. Seitdem die allgemeine Wehrpflicht Jeden mindeſtens ein Jahr lang einruft zum wirklichen, zum ernſten Waffendienſt, wo insbeſondere das im Krieg praktiſch werdende Bajonnetgefecht geübt wird, erſcheint die ſtudentiſche Fechterei faſt als Spielerei.

Gewiß gab es eine Zeit, wo die Fratze franzöſiſchen Weſens nur allzuſehr in Deutſchland eingedrungen war und wo es wohlgethan erſchien, derſelben einen etwas bärenbeißigen deutſchen Studenten entgegenzuſtellen, denBurſch von echtem Schrot und Korn! Aber ſeitdem Deutſchland in Sprache und Literatur, in Wiſſenſchaft und Kunſt ſich auf eigene Füße geſtellt hat, iſt es viel mehr die Aufgabe unſerer Hochſchulen, die großen Leiſtungen unſerer Nachbarn auf dieſen Gebieten kennen und ſchätzen zu lernen, als ihre nationale Eigenthümlichkeiten zu bekämpfen.

Was überhaupt die durch das akademiſche Leben gewonnenen äußerlichen Vorzüge betrifft, ſo ſcheinen ſie uns, falls ſie wirklich vorhanden ſind, doch ſehr theuer erkauft. Wer dieſes Leben kennt, der weiß, wie viele Zeit dieſen zweifelhaften Errungenſchaften gewidmet werden muß, zumal bei der innigen Wechſelbeziehung, die zwiſchen Fechtboden und Trinkſtube beſteht. Gilt es doch als angenommen, daß beiden mindeſtens ein Jahr der Studienzeit gewidmet werden muß, um einen einigermaßen forſchen Studenten fertig zu machen..

Und welche Zeit iſt es, die hierbei geopfert wird!