Aufsatz 
Ehre und Duell / Friedrich Schödler
Entstehung
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aber, wenn wir auch durch unſere Eigenſchaften und Handlungen alle Anderen zwingen, uns ſehr hoch zu achten(denn das hängt nicht von ihrer Willkür ab), ſo darf dennoch nur irgend Einer und wäre es der Schlechteſte oder Dümmſte ſeine Geringſchätzung ausſprechen, und alsbald iſt unſere Ehre verletzt, ja, ſie iſt auf immer verloren, wenn ſie nicht wieder hergeſtellt wird.

Ein überflüſſiger Beleg dazu, daß es keineswegs auf die Meinung Anderer, ſondern allein auf die Aeußerung einer ſolchen ankomme, iſt der, daß Verunglimpfungen zurückgenommen, nöthigenfalls abgebeten werden können, wodurch es dann iſt, als wären ſie nicht geſchehen: ob dabei die Meinung, aus der ſie entſprungen, ſich ebenfalls geändert habe und weshalb dies geſchehen ſein ſollte, thut nichts zur Sache; nur die Aeußerung wird annullirt, und dann iſt Alles gut. Hier iſt es demnach nicht darauf abgeſehen, Reſpect zu verdienen, ſondern ihn zu ertrotzen.

2) Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf dem, was er thut, ſondern auf dem, was er leidet, was ihm widerfährt. Wenn, nach den Grundſützen der zuerſt erörterten allgemein geltenden Ehre, dieſe allein abhängt von dem, was er ſelbſt ſagt oder thut, ſo hängt hingegen die ritterliche Ehre ab von dem, was irgend ein Anderer ſagt oder thut. Sie liegt ſonach in der Hand, ja hängt an der Zungenſpitze eines Jeden, und kann, wenn dieſer zugreift, jeden Augenblick auf immer ver⸗ loren gehen, falls nicht der Betroffene durch einen bald zu erwähnenden Herſtellungsproceß ſie wieder an ſich reißt, welches jedoch nur mit Gefahr ſeines Lebens, ſeiner Geſundheit, ſeiner Freiheit, ſeines Eigenthums und ſeiner Gemüthsruhe geſchehen kann. Dieſem zufolge mag das Thun und Laſſen eines Mannes das rechtſchaffenſte und edelſte, ſein Gemüth das reinſte und ſein Kopf der eminenteſte ſein, ſo kann dennoch ſeine Ehre jeden Augenblick verloren gehen, ſobald es nämlich irgend Einem der noch nicht dieſe Ehrengeſetze verletzt hat, übrigens aber der nichtswürdigſte Lump, das ſtupi⸗ deſte Vieh, ein Tagdieb, ein Spieler, Schuldenmacher, kurz, ein Menſch, der nicht werth iſt, daß Jener ihn anſieht, ſein kann, beliebt, ihn zu ſchimpfen. Sogar wird es meiſtentheils gerade ein Subject ſolcher Art ſein, dem dies beliebt; weil eben, wie Seneca richtig bemerkt, ut quisque contemtissimus et ludibrio est, ita solutissimæ linguæ est.(Je verächtlicher und lüderlicher Einer iſt, deſto frecher iſt ſeine Zunge.) Auch wird ein Solcher gerade gegen Einen, wie der zuerſt Ge⸗ ſchilderte, am leichteſten aufgereizt werden, weil die Gegenſätze ſich haſſen und weil der Anblick über⸗ wiegender Vorzüge die ſtille Wuth der Nichtswürdigkeit zu erzeugen pflegt; daher eben Göthe ſagt:

Was klagſt du über Feinde? Sollten ſolche werden Freunde, Denen das Weſen, wie du biſt,

Im Stillen ein ewiger Vorwurf iſt?

Verſetzen wir uns, um das Vorſtehende durch ein Beiſpiel lebendig zu vergegenwärtigen, in einen der Kreiſe, die im Banne des Vorurtheils über Ehre befangen ſind. Ein Mann der rechten Ehre, im beſten Sinne des Worts, gerathe in eine Erörterung mit einem anmaßenden Schwätzer und erweiſe ſich ihm geiſtig ſo überlegen, daß dieſer füglich zu ſchweigen hätte. Statt deſſen läßt ſich letzterer jedoch beikommen, ihm Entgegengehaltenes für lächerlich oder für unſinnig zu erklären und ſofort hat die Discuſſion ein Ende. Nicht weitere Gründe erwartet die Umgebung, ſondern eine Herausforderung.

In einem anderen Beiſpiele werde jenem Ehrenmanne in einer ſogenannten diſtinguirten Geſell⸗ ſchaft große Auszeichnung zu Theil. Ein unbedeutender Menſch, ſich hierdurch zurückgeſetzt fühlend, ſucht ſich dafür zu rächen, indem er Jenem im Vorbeigehen, wie zufällig, aber bemerkbar, auf den Fuß tritt oder ihn anſtößt(anrempelt, wie der Kunſtausdruck lautet). Auch hier iſt für den Ehren⸗ mann eine Herausforderung unvermeidlich, wenn er nicht riskiren will, in dieſem Kreiſe mißachtet oder gemieden zu werden, wie hoch er auch an Verdienſt und Bildung über ſeinem Gegner ſtehen mag.